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 Gone Yesterday

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Acey



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BeitragThema: Gone Yesterday   Do 12 Mai 2011, 01:02

Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, doch es gelang mir nicht so recht, also beschloss ich, eine kurze Langgeschichte daraus zu machen.
Die Geschichte an sich ist mein erster Versuch in dem Papyrus-Autorenprogramm. Wenn euch etwas spezielles auffällt, dann gebt mir Bescheid. Bis jetzt scheint es gerne Zeichenfehler zu machen.
Die Geschichte soll als normale, harmlose Teenie-Familien-Story anfangen...
Sie wird aus mehreren Teilen bestehen und es wird sich im Laufe der Handlung etwas verändern.
Hinzuzufügen wäre noch: Anyanka und Reija haben mir bei der Titelauswahl geholfen! Danke Euch, ihr Lieben!!!!

Aber nun lest selbst!


Gone Yesterday


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Verloren ist nicht, was verloren wirkt,
Verloren ist, was irgendwann aufgegeben wurde...
Acey W. Greeley




Teil 1

Lydia und Kevin Walters waren etwas müde, doch sie waren noch nicht am Ziel. Die Klimaanlage im Auto surrte leise und im Inneren des Wagens schliefen Sue und Lindsay, die beiden Töchter.
»Oh Mann, wenn ich das gewusst hätte, wären wir nicht so lange in Boulder geblieben!« Kevin fuhr sich durch das dichte Haar. Es war wirklich eine lange Fahrt bis hierhin gewesen. Seine Frau blickte aus dem Fenster und registrierte beiläufig, wie hoch und auch nahe das Felsmassiv der Rocky Mountains wirkte. Fast so als könnte man nur mit dem Ausstrecken der Hand die Felsen berühren. »Hast du schon einmal eine so fantastische Natur gesehen!« Lydias Stimme klang sehr aufgeregt, doch es war auch schon ein paar Jährchen her, dass sie gemeinsam campen gewesen waren. Kevin, ein großer Mann Anfang vierzig warf einen beiläufigen Blick zum Fenster hinaus und nickte.
»Ähm, ja, das ist richtig. Wir sind ja hier auch in den Rockys.«
Von hinten regte sich etwas und eine leise Stimme, die noch etwas verschlafen klang, riss die beiden Erwachsenen aus ihren Gedanken »Mom, Dad, wie weit fahren wir noch. Ihr wisst ja, wenn ich nicht bald meine SMS an Bridget schicken kann, geht sie die Wände hoch.« Lydia lächelte beim Gedanken an die beste Freundin ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lindsay »Ja, ich kann es mir lebhaft vorstellen. »Ihr Lachen klang perlend und auch Kevin musste schmunzeln »Mein Gott, Bridget wird wohl abwarten können. Hast du sie nicht schon in der Früh angerufen?« Lindsay, ein dunkelhaariges Mädchen mit braunen Augen kräuselte ihre Nase »Naja, ich hab ihr versprochen, sie auf dem Laufenden zu halten.« Kichernd stieß die blonde Sue ihre ältere Schwester an »Jaja, und sie hält dich auf dem Laufenden wegen Tony.« »Ach, hör schon auf! Das interessiert mich überhaupt nicht, nur dass du es weißt! Sie hat mir nur von Luke erzählt. Der hat bei McDonalds eine Stelle für diesen Sommer bekommen.« Ihre Schwester, die nur zwei Jahre jünger als sie war, schnaubte verächtlich »Als ob das so wichtig ist. Du wolltest doch nur wissen, ob Tony Marcello sich nicht hinter deinem Rücken mit Sarah trifft. Ich hab es ja genau gehört!«
»Ach«, Lindsay winkte ab », was du alles so hörst!«
Lydia ermahnte die beiden, nicht zu streiten »Schaut euch lieber die Gegend an. Wir werden nämlich bald zu unserem Campingplatz am Green River kommen!«
Sue verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse und warf ihr schulterlanges Haar schwungvoll zurück »Oh, fein. Gelsen, Krabbelgetier und Gemeinschaftsduschen. Ich kann es kaum erwarten!« Kevin runzelte die Stirn »Das Thema hatten wir schon, Sue. Letztes Jahr wolltest du unbedingt nach Rhode Island um Strandurlaub zu machen, und heuer hat deine Schwester eben entschieden. Ich finde es toll, dass wir wiedermal campen. So komm ich wenigstens wieder zum Fischen. Also will ich nichts mehr hören!«
Sue zog sich schmollend zurück, während sie finster hinaus auf die hohen Berge blickte, aber Lindsay lächelte. Sie kannte ihre Schwester gut genug um zu wissen, dass sie gar nicht so abgeneigt war, campen zu gehen.
»Ach was. Sie liebt das doch alles. Sie steht nur nicht auf diese Gemeinschaftsduschen.« Sue schnaubte verächtlich. »Ach, was du nicht sagst.« Doch dann zog sie es vor, zu schweigen, denn insgeheim war ihr dieser Ausflug gerade recht.

Die nächste Stunde verlief etwas schweigsam, da jeder seinen Gedanken nachhing, dennoch war es ein angenehmes Schweigen. Es wurde erst wieder etwas lebhafter, als sie auf den kleinen Parkplatz abbogen, der zu dem Wildflower-Campground gehörte. Bei dem kleinen Office stiegen die beiden Erwachsenen aus. Während Kevin hineinging, um sie anzumelden, sog Lydia tief die herrlich frische Bergluft tief ein. Ringsherum erstreckten sich hohe Berge, gesäumt von dichten grünen Nadelwäldern. Es roch nach Tannennadeln und Baumharz und sie konnte in der Ferne das sanfte Plätschern des Flusses hören.
Sue und Lindsay blieben noch im Auto sitzen, bis sie ihren zugewiesenen Platz bekamen. Auch wenn sie es sich nicht gerne anmerken ließen, sie waren froh, endlich am Ziel zu sein. Hier konnten sie sich austoben. Sie würden so rasch wie möglich Kanus ausborgen und paddeln gehen. Außerdem erhoffte sich Lindsay eine Wildwasser-Rafting-Tour, während Sue darauf wartete, endlich mit ihrem Vater fischen zu gehen. Beide Töchter waren gerne in der Natur und sie kannten sich auch hervorragend damit aus. Als sie endlich das Wohnmobil auf einen netten, von niedrigen Büschen umsäumten Platz stellen konnten, waren die beiden Schwestern kaum zu halten. Lindsay sprang sofort raus und machte Anstalten, zum Fluss hinunter zu laufen, doch Kevin, ihr Vater hielt sie zurück. »Halt, nicht so schnell junge Dame. Zuerst hilfst du uns mit dem Aufstellen der Möbel.« »Ach, Dad, das könnt ihr doch viel schneller alleine.« Sie warf einen Blick auf ihre jüngere Schwester. »Außerdem ist Sue der Aufstell-Profi, wie ihr wisst. Sie weiß auch, wo ihr den ganzen Kram verstaut habt.« Das stimmte wieder. Sue hatte eine eigene Ordnung, was Besteck, Teller und Töpfe anging, doch ihr Vater ließ sich davon nicht beirren. »Oh ja, das wissen wir, aber es ändert nichts daran, dass du zuerst hier mithilfst, bevor du verschwindest!« Sue verdrehte die Augen. »Ach, Dad, du weißt ja, sie ist so anstrengend, wenn sie zulange im Auto eingesperrt war. Lass sie doch laufen. Wir schaffen das auch ohne sie.« Doch Kevin übersah das eifrige Nicken seiner älteren Tochter. »Keine Extras. Zuerst wird gemeinsam alles aufgebaut und dann könnt ihr los!«
Lydia lächelte milde. Sie kannte ihre Töchter. »Also, Mädchen, hört, was euer Vater sagt. Zuerst das hier und dann könnt ihr gehen.« Damit war es entschieden, und es begann ein eifriges Herumhantieren.
Als das Wichtigste überstanden war, liefen die beiden Mädchen zum Wasser. Entzückt blieb Lindsay stehen und folgte mit ihren Augen den Flussverlauf. »Schau doch, Sue! Das Wasser ist gar nicht so hoch, da dürfen wir sicher alleine paddeln gehen.« Die jüngere Schwester nickte gedankenverloren. »Ja, schon, nur ist zu wenig Wasser zum Raften.« Das konnte Lindsay nicht weiter erschüttern. »Ist ja egal. Wenigstens darf ich ohne Erwachsenenkontrolle hier Kanu fahren.« Das war Sue sowieso klar gewesen. »Natürlich«, sie schüttelte den Kopf. »Das darfst du doch immer. Dazu kann Dad nie nein sagen! Außerdem, naja, du bist ja fast erwachsen.« Lindsay war sich darüber bewusst, wie recht ihre Schwester hatte. Zumindest was das Kanufahren anging.
Ihr Dad wusste genau, wie gut sie war. Sie hatte Kanufahren schon als 5-Jährige in Wisconsin gelernt und hatte es seit sie in Kalifornien lebten, immer wieder betrieben. Mit hervorragenden Ergebnissen wohlgemerkt. Sie war Jugendmeisterin seit 4 Jahren in ihrer Altersklasse, dafür war Sue beim Angeln unschlagbar. Lindsay musterte ihre jüngere Schwester etwas genauer. Ihre blauen Augen in dem herzförmigen Gesicht leuchteten hell und ihre Wangen hatten sich vor Vorfreude etwas gerötet.
Lächelnd hängte sie sich bei Sue ein und zog sie mit sich. »Na komm. Dann schauen wir uns mal das, ähm, Gemeinschaftsareal an.«
Die jüngere Schwester ließ sich ohne weiteres mitziehen. »Ja, damit ich etwas zu kritisieren habe. Und wehe ich finde nichts!« Die ältere Schwester lachte. »Oh, darum mach ich mir keine Sorgen!«
Sie zogen eine Weile herum und stellten fest, dass es 14 Duschen gab. 7 für Frauen und 7 für Männer, dann fanden sie noch einen Basketballkorb und ein kleines, altes Geschäft, das Kaffee, Tee und sonstigen Kleinkram anbot. Ja, Sue konnte kritisieren, dass es in den Duschen verzogene Spiegel gab. Sie konnte sich herrlich darüber ereifern, dass die Toiletten für die Damen nur aus drei geschlossenen Kabinen bestanden, während die Männer natürlich noch zusätzlich ihre Pissoirs hatten. Sue fand, das war ungerecht, und Lindsay stimmte ihr zu. Damit war auch dieses Thema erledigt und sie konnten sich endlich mit dem wesentlichen beschäftigen.


Zuletzt von Acey am Mi 24 Aug 2011, 20:46 bearbeitet, insgesamt 6 mal bearbeitet
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Acey



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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Do 12 Mai 2011, 16:46

Teil 2

Der nächste Tag begann äußerst geschäftig.
Beide Mädchen konnten sich nur mühsam auf das Frühstück konzentrieren. Am liebsten wäre es ihnen gewesen, wenn sie sofort loslegen konnten.
Es gab eine Menge zu sehen und sie hatten bereits ihre eigenen Pläne, die nur bedingt ihre Eltern mit einschlossen. Lindsay wollte so schnell wie möglich zum Kanuverleih und Sue konnte es kaum abwarten, endlich mit ihrem Vater zum Angeln aufzubrechen.
Lydia, die den Tag entspannt mit einem längeren Spaziergang beginnen wollte, begleitete erstmal ihre ältere Tochter zum Bootsverleih, wo sie als Campingplatz-Benützer umsonst Kanus ausborgen durften.
Ein kräftiger junger Mann der sich als Hank vorstellte, begrüßte sie freundlich. Lindsay musterte ihn genauer. Er schien so um die 20 Jahre alt zu sein und sah ziemlich gut aus, in seinem offenen Jeanshemd.
Starke, gut gebräunte Arme ließen darauf schließen, dass er hart arbeitete und sich viel im Freien aufhielt.
Nach ein paar kurzen Worten gab er ihnen einen Zettel, wo sich Lindsay eintragen musste.
»Aber ein Erwachsener muss bestätigen, dass du alleine fahren kannst.« Lydia nickte ergeben. »Nun, das wäre dann wohl ich.«
Der junge Mann musterte Lindsay genauer. »Kannst du das denn? Ich meine, alleine paddeln?«
Empört hob Lindsay den Kopf und funkelte den jungen Mann böse an. »Aber natürlich kann ich das! Ich hoffe nur, du hast auch ein paar gute Boote hier!«
Hank machte eine einladende Bewegung zu den Kanus, die hinter ihm auf Trägern montiert waren. »Nur zu. Schau dich ruhig um, Kleine.«
Das ließ sich Lindsay nicht zweimal sagen. Mit fachmännischen Blick begutachtete sie die Boote. Langsam schritt sie von einem zum anderen und musterte ab und zu eines etwas genauer.
Sie strich mit ihrer Hand über ein paar der Bootsrümpfe und klopfte mal hier, mal dort gegen das Material.
Hank verdrehte die Augen und seufzte. »Was ist denn los, Kleine? Bis du von der Kanu-Prüfkomission, oder so was?«
Lydia fühlte sich bemüßigt rasch etwas zu sagen, ehe ihre Tochter noch aus ihrer Haut fuhr. »Sie sucht sich nur eines aus, wissen Sie.«
Hank verschränkte die Arme vor der Brust und hob eine Augenbraue an. »Sie sucht sich also nur eines aus. Wie schön, dann hab ich ja weniger Arbeit.« Sein spöttischer Tonfall war kaum zu überhören.
Als Lindsay vor einem grünen, länglichen Kanu stehenblieb und darauf deutete, blitzte in seinen Augen der Schalk auf. »Das hier also? Bist du auch sicher? Ich meine, ist Es nicht zu grün, oder sowas?«
Heftig fuhr sie zu ihm herum. Er war so unverschämt und sie konnte es nicht ausstehen, wenn man sie behandelte, als ob sie ein kleines Mädchen wäre. »Bist du immer so herablassend, oder hast du einfach noch nicht gefrühstückt?«
Lydia zog scharf die Luft ein. »Lindsay! Reiß dich zusammen!« Entschuldigend blickte sie den Mann an. »Tut mir leid. Meine Tochter nimmt diese Bootssache einfach nur sehr ernst.«
Lindsay lächelte ihn ironisch an. »Ja, ich nehme es einfach nur sehr ernst.« Damit wandte sie sich wieder dem Objekt ihrer Begierde zu. »Ich will diesen Tourenkanadier hier!« Sie klopfte dezent gegen den stabilen Körper des Bootes. »Und ich weiß ziemlich genau, was ich will!«
Die Überraschung des Mannes blieb ihr nicht verborgen und sie lächelte triumphierend. Das hatte er nun davon! Er schien nicht damit gerechnet zu haben, dass Lindsay sich tatsächlich auskannte.
Um ihn zu ärgern, wies sie auf ein klassisches Holzkanu, dass mit einem leichten Leinentuch zugedeckt war und auf einem separaten Ständer etwas weiter hinten in dem offenen Schuppen stand. Dieses Boot war nicht nur sehr teuer, sondern auch ziemlich sensibel. Das wusste sie natürlich.
Jeder Kenner würde ehrfürchtig eine Runde um dieses edle Gefährt machen. »Es sei denn, du gibst mir dieses leckere Holzding hier. Doch ich denke, da hast du wohl Angst, dass du es nicht heil zurückbekommst.« Ihr herausfordernder Tonfall war nicht zu überhören und Lydia fürchtete abermals um den friedlichen Tag. Doch sie wurde überrascht.
Hank lachte laut und schüttelte den Kopf. »Ne, diesen Klassiker bekommst du garantiert nicht! Davon träumst du nur, Kleine. Ich mag dich zwar unterschätzt haben, doch das hier ist zu viel des Guten. Nein! Das bringst du doch niemals heil zurück, so wie ich dich einschätze!«
Insgeheim gefiel ihm die provokative Art mit dem sie ihn in seine Schranken verwiesen hatte.
Wohl um den Frieden zu bewahren, hob er rasch das grüne Tourenkanu für sie hinunter.
Diese Art Boot war etwas länglicher als die meisten der Kanus hier. Natürlich war es auch etwas teurer, als die meisten, doch Es war schnell, leicht zu lenken und praktisch unzerstörbar. Allerdings war es von Vorteil, wenn man etwas Erfahrung mitbrachte.
Nun, darüber sorgte er sich nicht mehr, denn er hatte bereits erkannt, dass das Mädchen Ahnung hatte. Ihre Mutter nickte erleichtert, als sie sah, wie interessiert Lindsay ihre Errungenschaft musterte. Hank schmunzelte, er konnte ahnen, was für Gedanken ihr durch den Kopf schossen.
Sein Gesichtsausdruck wurde aber sofort wieder ernst, denn nun kam er zu den Regeln, an die sich auch das Mädchen zu halten hatte. »Hör jetzt genau zu, Kleine, denn es gibt da ein paar Punkte, die du beachten musst.«
Erbost fuhr sie zu ihm herum. »Ja, ich werde zuhören, aber erst wenn du aufhörst, mich Kleine zu nennen!« Oh Mann, was für ein Tag. Hank seufzte resignierend. » Gut, ich nenne dich nicht mehr Kleine und du hörst auf, andauernd herumzuzicken. Einverstanden?« Seine grauen Augen ruhten auf ihrem Gesicht. Mit diesem Angebot konnte Lindsay leben und sie nickte zufrieden.
Ihre Mutter verzichtete darauf, irgendetwas zu sagen. Die beiden mussten sich das schon selbst ausmachen. Als sie sah, wie ihre Tochter leicht lächelte, atmete sie auf. Gott sei Dank. Damit war wohl endlich das Schlimmste überstanden.
Hank wies hinunter zum Ufer. »Gut, also wenn du vom ersten Steg wegfährst, kommst du nach etwa einer viertel Meile zu einem Gebiet, wo du nicht hindarfst. Da sind einige Nistplätze von geschützten Vogelarten. Die Ranger nehmen das sehr ernst, und ich übrigens auch. Danach öffnet sich das Gebiet und du hast einen herrlichen Blick auf die Berge, doch du musst aufpassen, am Wildthunder Point gibt es ein paar Stromschnellen. Keine Sorge, ist rechtzeitig angeschrieben. Halte nur dein Paddel fest, denn dort wird die Strömung geringfügig stärker, auch wenn wir jetzt gerade kein Hochwasser haben.
Ab dann kannst du eigentlich überall an Land gehen, falls du das vorhast. Das Ufer ist überwiegend flach und kiesig. Es gibt keine starken Strömungen. Also zurzeit nicht. Der Fluss ist jetzt ziemlich harmlos, denn die Schneeschmelze ist vorbei.«
Lindsay nickte gelangweilt »Alles klar. Ich bin schon an vielen Ufern an Land gegangen, also werd ich das schon schaffen und vor Strömungen hab ich sowieso keine Angst.«
Hank ließ sich nicht von ihren Worten beeindrucken »Das mag stimmen, doch es ändert nichts daran, dass du befolgen solltest, was ich dir sage. Auch wenn hier alles so harmlos aussieht, heißt es nicht, dass es das immer ist. Ich will dich nicht später irgendwo herausfischen müssen, oder so was in der Art, okay?«
Sie wollte etwas darauf erwidern, doch ihre Mutter ergriff ihren Arm und warf ihr einen warnenden Blick zu. Jetzt war es genug. Lindsay verstand den Wink und nickte einfach nur.
Er fuhr fort. »Sei vorsichtig, falls du zu der alten Stadt Silverstone kommst. Dort liegt so viel Kram herum. Gefährlich, wenn man nicht schaut, wohin man geht und natürlich ist es ein wahres Schlangenparadies. Also pass auf.«
Das Mädchen wurde hellhörig. »Eine alte Stadt? Das ist doch mal was Nettes!«
Hanks Blick hatte nichts von der Ernsthaftigkeit verloren und seine grauen Augen blickten Lindsay aufmerksam an. »Silverstone ist eine Geisterstadt. Dort ist schon einiges passiert, doch die Parkranger können sich noch immer nicht dazu entschließen, sie abzusperren. Das liegt an dieser Geisterstadt Bodie in Nordkalifornien. Weil die so viel Erfolg hat, bemühen sich die Behörden, bei anderen genauso zu handeln. Das bedeutet, sie bleibt, wie sie ist, dafür wird der Tourismus nicht gefördert. Natürlich kann man dort an Land gehen, doch ich rate immer davon ab.«
Oh ja, damit kannte Lindsay sich aus. Bodie hatte sie schon mehrmals besucht und sie war begeistert davon gewesen. »Ist aber toll, dass man sie einfach so lässt, wie sie ist. Ich kenne Bodie. Diese Geisterstadt ist ganz fabelhaft.«
Besorgt warf Lydia einen Blick auf Hank, der die Lippen kurz zusammenkniff. »Silverstone ist alles, nur nicht Bodie! Silverstone hat vielleicht nur zehn-fünfzehn Häuser, doch Bodie liegt mitten in der Mojave-Wüste und ist viel größer. Diese Geisterstadt hier ist aber in den Berghang hineingebaut. Da hast du nicht mal Platz für einen Hubschrauber oder sowas. Die Ranger haben sich damit begnügt, Warnschilder anzubringen, damit sie nicht verklagt werden können, und so lange das funktioniert, wird sich nichts ändern. Also sei einfach nur vorsichtig, wenn du schon mit den Gedanken spielst, ihr einen Besuch abzustatten.«
Insgeheim bereute er schon, überhaupt davon erzählt zu haben, denn das Funkeln in den Augen dieses Mädchens machte ihm Sorgen. Er betrachtete kurz ihre Mutter. Scheinbar war sie auch nicht so überzeugt davon, dass ihre Tochter dort hin sollte. Vermutlich hätte er es wirklich verschweigen sollen, doch sie hätte die Stadt sowieso gesehen, also war es besser, wenn er ihr von den Gefahren erzählte.
»Ach ja, noch was. Du kannst, wenn du am Ufer entlang bis nach den Stromschnellen zurückgehst, ohne weiteres dein Kanu wieder reintun und zurück paddeln. Die Strömung ist ganz leicht, da musst du dich nicht so anstrengen. Nur wenn es regnen sollte, ist es besser du gehst den ganzen Weg zurück, denn die daraus entstehende Strömung hältst du nicht.«
Schon wieder wollte Lindsay etwas sagen, doch diesmal war es Hank der ihr zuvorkam »Das ist mein voller Ernst. Diese Strömung haben schon einige nicht geschafft, und glaube mir, die waren stärker und größer als du!«
Sie verdrehte genervt die Augen. »Habe ich gar nicht vor! Okay? Ich weiß schon um die Gefahren in Flüssen. Ich paddle seit ich fünf bin, also kenn ich mich halbwegs aus.«
»Aber Lindsay, er hat dich ja nur darauf aufmerksam gemacht! Immerhin ist dir die Gegend hier fremd.« Ihre Mutter klang leicht tadelnd.
Hank lächelte nur und winkte lässig ab. »Ich glaube dir ja, dass du paddeln kannst, aber das muss sich ein jeder von mir anhören. Zur Zeit ist es ja, wie schon gesagt, auch kein Problem mit dem Umkehren.«
Er verschwand kurz in seinem Schuppen und brachte ihr die obligatorische Schwimmweste und eine Folie mit den wichtigsten Hinweisen. Seufzend nahm Lindsay sie entgegen. »Ich weiß, ich weiß, immer die Weste tragen immer in der Nähe vom Ufer paddeln, auf Wetter achten und so weiter.«
Hank lächelte weiterhin. »Jep, genau so ist es. Der Pfad zurück zu unserem Campground ist jedenfalls an all den bekannten Anlegestellen angeschrieben. Wir haben extra einen kleinen Weg gelegt. Du erkennst an den zusammengehäuften Steinen, wohin du gehen musst und alle 50 Meter hast du wieder ein Hinweisschild mit Wegbeschreibung.« Er winkte erneut ab. »Egal, du musst eigentlich nur dem Weg folgen, gibt ja keinen anderen, dann kommst du automatisch wieder zurück. Es gibt sogar eine Holzbrücke, die es dir erspart, quer über den Fluss zu paddeln, wenn du wieder anlegen willst. Also du wirst keine Schwierigkeiten haben.«
Das hoffte Lydia auch, doch Lindsay schüttelte nur mit dem Kopf. »Unglaublich, wie genau ihr das hier nehmt.«
Um weiteren Ermahnungen zu entgehen, schnappte sie sich rasch das leichte Boot und marschierte los. Ehe sie hinter der Böschung, die zum Fluss hinab führte, verschwand, winkte sie ihnen über die Schulter noch einmal zu. »Bis später. Ich werd eine Weile brauchen.«
Lydia blickte ihr besorgt hinterher. »Hmm, ich hoffe, sie macht keine Dummheiten. Aber normalerweise ist sie ganz vernünftig.«
Hank bezweifelte das etwas. Sie hatte einfach ignoriert, wie gefährlich diese Geisterstadt sein konnte. Das zeugte nicht gerade von Vernunft.
Er nahm die Liste, auf der sie ihren Namen eingetragen hatte und warf einen Blick darauf »Was zur Hölle,« fluchend wandte er sich Lydia zu. »Ganz vernünftig, sagten Sie?« Er hielt ihr die Liste unter die Nase. Lydia nahm sie erstaunt an sich und betrachtete sie genauer.
Neben dem Namen ihrer Tochter und ihrer Unterschrift sollte normalerweise die geschätzte Zeit stehen, die sie unterwegs sein wollte. Stattdessen grinste sie ein Smiley mit einer gezeichneten Augenklappe an und daneben stand in der sauberen Handschrift ihrer Tochter: Carpe diem - nütze den Tag.
Seufzend reichte sie ihm die Liste wieder »Okay, ich sagte auch normalerweise.«
Eine Sekunde lang sah es so aus, als ob der junge Mann einen Wutanfall bekommen würde, doch dann lachte er lauthals auf »Oh Mann, Lady, da haben Sie wohl die letzten Jahre alle Hände voll zu tun gehabt, was?«
Er lachte noch immer, als er in seinem Schuppen verschwand, und ließ eine verdutzte Frau zurück. Sie hörte ihn aus dem Inneren des Gebäudes noch murmeln. »Hoffen wir, dass sie heil wieder hier auftaucht.« Das hoffte Lydia auch.


Zuletzt von Acey am Mi 18 Mai 2011, 19:57 bearbeitet, insgesamt 3 mal bearbeitet
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Acey



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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   So 15 Mai 2011, 22:35

Teil 3

Lindsay lächelte besonnen vor sich hin, als sie endlich das Kanu ins Wasser lassen konnte. Dieser Hank war wirklich etwas anstrengend gewesen. Obwohl sie wusste, dass es wichtig war, die Leute zu informieren, war er ihr auf die Nerven gegangen. Nun, jetzt hatte sie ja endlich, was sie wollte. Sie verstaute ihren kleinen Rucksack, in dem sich Wasser und einige Sandwiches befanden, ehe sie in die rote Schwimmweste schlüpfte. Es war soweit.
Als sie bereits in ihrem Kanu saß und sachte vom Ufer wegpaddelte, schweiften ihre Gedanken zu Tony. Er war der Sohn eines Pizzeria-Besitzers und ging mit ihr auf die gleiche Schule. Natürlich war er ein ausgesprochen gutaussehender Kerl, doch dass wussten auch andere. Zum Beispiel Sarah, die bereits seit Längerem einen Blick auf ihn geworfen hatte. Irgendwie fühlte sie sich nicht so glücklich mit ihm wie am Anfang. Womöglich lag es daran, dass Sarah immer wieder dort auftauchte, wo sie sich gerade mit Tony befand, was ihn nicht sosehr störte wie ihr. Er lachte nur über ihre Eifersucht.
Seufzend stieß sie ihr Paddel kräftiger ins Wasser. Ihre Mutter hatte schon Recht. Wenn er nicht diese drei Wochen warten konnte, bis sie wieder zuhause war, dann war er es nicht wert.
Als sie endlich das Gefühl hatte, weit genug von dem Campingplatz weg zu sein, begann sie sich umzusehen. Heute schien die Sonne strahlend vom blauen Himmel und die Luft fühlte sich um diese Zeit sehr mild an. Hoheitsvoll hob sich das gewaltige Bergmassiv der Rockys empor, und Lindsay wünschte sich, irgendwo dort oben zu stehen und hinunter zu blicken. Ringsherum erstreckten sich grüne, mit vielen herrlichen Blumen geschmückte Wiesen und man konnte die Stimmen unzählbarer Vögel hören. Der heutige Tag würde ziemlich warm werden. Der laue Wind spielte mit ihren kurzen dunklen Haaren und sie atmete tief ein. Beim Kanufahren konnte sie immer ihren Gedanken nachhängen und entspannen.
Eine Weile ließ sie sich treiben, doch die Strömung war nicht stark genug und sie musste bald ein wenig nachhelfen. Genau wie dieser Hank gesagt hatte. Wie er wohl dreingeschaut hatte, als er den Smiley entdeckt hatte? Sie musste grinsen. Das kam davon, wenn man nicht aufpasste. Hoffentlich bekam er keine Schwierigkeiten deswegen. Sie dachte über ihn nach, während sie ruhig dahinpaddelte. Er sah ziemlich gut aus. Ob er eine Freundin hatte? Halt, Lindsay, ermahnte sie sich, was waren das nur für Gedanken? Er war ohnedies viel zu alt für sie. Sicher war er schon um die zwanzig.
Schnell riss sie sich wieder zusammen, damit sie nicht vergaß, worauf sie sich konzentrieren sollte. Eine gelbe Hinweistafel tauchte gerade am linken Ufer auf, die ihr sagte, dass sie soeben am Vogelschutzgebiet vorbei paddelte. Hier spürte sie bereits, wie sich die Strömung regte.
Es war noch immer nicht extrem, doch sie hatte das Gefühl dafür, wenn sich das Wasser veränderte. Es war ihr nie schwergefallen mit diesem Element klarzukommen.
Vorsichtig manövrierte sie ihr Kanu weiter in die Flussmitte, denn sie hatte sich gemerkt, was Hank ihr berichtet hatte. Andere hätten sicherheitshalber eher die Ufernähe gesucht, allerdings nicht Lindsay.
Sachte schaukelte das schmale Boot, als die Strömung kurzfristig zunahm. Sie verstärkte ihren Griff etwas. Bald darauf erkannte sie auch die grellorange-farbene Hinweistafel, die sie auf diese Stromschnellen aufmerksam machte. Es war soweit! Innerlich jubelnd wartete sie auf die Geschwindigkeit und machte sich bereit dafür, das Paddel aus dem Wasser zu nehmen, wenn es soweit war.
Es kam plötzlich, doch damit hatte sie gerechnet. Schwupps, schon ging es los! Zuerst, nur eine Sekunde lang, spürte sie die Kraft, als das Wasser wie von selbst zu Brodeln begann. Das Boot hob sich rasch und sie spürte das Wellenrodeo, als die Strömung sie mitriss. Herrlich, wie das Kanu angehoben wurde und dann wieder absank. Sie lachte fröhlich, denn genau das war das Tolle am Kanufahren. Die Geschwindigkeit wurde dadurch gesteigert, dass Lindsay das Paddel ins Boot gezogen hatte und keine Bremsversuche machte. Vor allem befand sie sich mitten im Fluss. Da wäre Bremsen vermutlich eher unvorteilhaft gewesen. Sie schloss die Augen und genoss das kurze Gefühl der Schwerelosigkeit, ehe das Kanu vom höchsten Punkt wieder absank.
Dann war es leider auch schon aus. Die Geschwindigkeit verminderte sich und ging in ein sanftes Dahintreiben über. Nach weiteren Sekunden war es komplett vorbei und es trieb nurmehr sachte dahin.
Lindsay seufzte tief, ehe sie erneut zum Paddel griff.
Der Fluss war hier etwas breiter und sie registrierte den kiesigen Untergrund. Flach und nur leicht gewellt erhob sich das linke Ufer dezent aus dem klaren Wasser und sie erkannte ein paar Sträucher und nur vereinzelt Schilf. Auch die Berge stiegen leicht empor ohne schroff und gewaltig zu wirken. Aufmerksam betrachtete sie das Flussufer auf beiden Seiten, denn sie wollte diese ehemalige Stadt um nichts in der Welt versäumen. Rechts waren die Felsen fast verschwunden zudem stieg das Ufer sanft an, bis es in eine grasbedeckte Fläche mündete. Somit war vollkommen klar, dass die Stadt nur auf der anderen Seite sein konnte. Dieser Hank hatte gesagt, die Geisterstadt war einfach in den Berghang hineingebaut worden. Sie tippte anhand des vielversprechenden Namens Silverstone auf eine Minenstadt, die es nicht sehr weit gebracht hatte, also hielt sie weiter Ausschau danach.
Nicht lange darauf erkannte Lindsay vereinzelt die Reste alter Gebäude und hoffte, sie würde bald am Ziel sein.


Zuletzt von Acey am Di 17 Mai 2011, 16:28 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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Acey



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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Mo 16 Mai 2011, 21:57

Teil 4
Dann war es endlich soweit. Tief im Schatten verborgen schmiegten sich die ersten Häuser an graues Felsgestein. Beim genaueren Betrachten fiel Lindsay auf, wie düster es hier auf einmal schien. Die Sonne kam scheinbar an diesem Ort nicht richtig hin. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter als sie die dunklen Fensterhöhlen betrachtete, die wie tote, leere Augen wirkten. Fast hätte sie vergessen, ihr Kanu zum Ufer zu lenken, doch das holte sie sofort nach.
Es war ihr ein leichtes an diesem Ort an Land zu gehen. Das schlanke Boot fuhr sachte auf den Kiesboden auf. Behutsam stieg das Mädchen in das nunmehr knöcheltiefe Wasser und zog ihr Kanu hinter sich das flache Flussufer hinauf.
Die beklemmende Ausstrahlung dieser Ortschaft ließ sie langsamer werden.
Erst nach mehreren Metern beließ sie das leichte Boot auf den sandig-steinigen Boden. Danach blieb sie erstmal stehen, um sich ein genaueres Bild von der Gegend zu machen.
Die Sonnenstrahlen zauberten goldene, reflektierende Punkte auf die leicht gekräuselte Wasseroberfläche des ruhig vor sich hinplätschernden Flusses. Lindsay nahm das hübsche Bild von den schroffen Bergen und den dichten Nadelbäumen, die sich am anderen Ufer ausbreiteten in sich auf und atmete tief die milde Sommerluft ein. Dann erst wandte sie sich der düsteren Stadt zu.
Dieser Eindruck war nicht ganz so idyllisch. Eher das Gegenteil, wie das Mädchen feststellen musste. Es schien, als ob die Sonne diesen Ort bewusst mied. Kein einziger Strahl erreichte die in den Hang hineingebauten Ruinen dieser ehemals sicher lebendigen Stadt.
Lindsay straffte die Schultern und stieg über zerbrochenes Glas und zersplitterte Bretterhaufen hinweg, ehe sie einen schmalen Weg betrat, der leicht anstieg. Ursprünglich war das sicher die Main-Street gewesen, denn nach wenigen Metern wurde sie breiter.
Das Mädchen konnte bereits vereinzelt die wenigen Häuser erkennen. In allen waren die Fensterscheiben zerbrochen, in einigen fehlten sie komplett, dennoch bekam das Ganze langsam ein Gesicht. Es war ganz nach Lindsays Geschmack. Sue hätte es hier bestimmt auch gefallen. Beim nächsten Ausflug würde sie wohl ihre Schwester hierher mitnehmen.
Das Gefühl der Düsternis war für einen Moment gewichen und machte stattdessen einer gewissen Abenteuerlust platz.

Lächelnd setzte sie sich auf einen der Holzbürgersteige, die noch halbwegs stabil aussahen.
Rasch fischte sie ein Sandwich aus ihrem Rucksack und begann zu essen. Erst als sie bewusst in die Stille lauschte, die nur vom sachten, kühlen Wind, der flüsternd um die restlichen Hauswände strich, unterbrochen wurde, kam das leichte Unbehagen zurück.
Flüchtig dachte sie an die Warnungen von diesem Hank. Wenn sie sich so umsah, waren diese sehr wohl begründet, denn ein falscher Schritt konnte Ärger bringen. Den Gedanken daran, was sein würde, wenn sie sich so verletzte, dass sie nicht mehr mit dem Kanu zurückkehren konnte, verwarf sie gleich wieder. Wenn sie gut achtgab, würde nichts passieren.
Nach dem Genuss ihres Sandwiches erhob sie sich um sich weiter umzuschauen. Hastig wischte sie sich ein paar Krümel vom Shirt. Gerade als sie weitergehen wollte, hatte sie auf einmal wie aus heiterem Himmel das Gefühl, beobachtet zu werden.
Ehe sie sich umdrehen konnte um der Sache auf den Grund zu gehen, erhielt sie einen unsanften Stoß in den Rücken, der sie direkt auf die staubige Straße beförderte.
Das Kichern, das hinter ihr erklang, ließ sie hastig herumfahren. Sie vermeinte ihren Augen nicht zu trauen, als sie die Gestalt eines etwa vierzehnjährigen Mädchens ausnahm, die sie frech anblickte.
»Was zum Teufel soll denn das?« Zornig sprang sie auf, und ehe die Fremde es sich versah, revanchierte sich Lindsay mit einem ebenfalls heftigen Stoß. Das Mädchen flog gegen die hölzerne Hauswand hinter sich und landete danach äußerst unsanft auf den Holzbürgersteig. Sie kam auch nicht mehr dazu sich aufzurappeln, denn Lindsay war schon bei ihr und verdrehte ihr schmerzhaft die Hand auf den Rücken. »Au, lass mich los! Du brichst mir den Arm, verdammt noch mal!« Hört, hört, die konnte fluchen!
»Ja, das kann passieren. Ist mir aber egal. Du hast angefangen!«
»Hey, ich wollte doch nur ein Sandwich!« Sie wimmerte leise und Lindsay war nahe daran, ihren Griff zu lockern. Aber es kam anders. Ein kräftiger Arm schlang sich von hinten um ihre Taille, dann wurde sie von dem Mädchen weggezogen »Hey, hey, alles mit der Ruhe.«
Doch Lindsay trat um sich und wand sich wie eine Schlange in der eisernen Klammer des Unbekannten.
»Verdammt, lass mich sofort los, sonst kannst du was erleben!« Sie holte aus und rammte den Ellenbogen in den hinter ihr stehenden. Fluchend lockerte er seinen Griff etwas, worauf Lindsay die Chance ergriff und sich befreite. Wutschnaubend drehte sie sich um und sah sich auf einmal einem Jungen gegenüber, der sich gerade verärgert die Stelle unter den Rippen rieb.
Sie grinste hämisch »Na, hab ich gut getroffen?« Doch als sie sich aufs Neue auf das fremde Mädchen stürzen wollte, packte er sie wieder.
»Mann, du bist vielleicht eine Wildkatze. Hör schon auf! Wir tun dir doch nichts. Becky hat nur Spaß gemacht. Nicht, Becky?«
Das Mädel rappelte sich etwas zersaust und mit geröteten Wangen auf.
»Aber klar doch. Ich wollte nur sehen, ob du Angst vor Geistern hast.« Dann grinste sie spitzbübisch und sprang mit einem Satz von dem alten Bürgersteig.
»Na ich fürchte, die Geister haben eher Angst vor dir. Du bist wirklich ganz schön wild!«
Schon wollte Lindsay, noch immer zornig, abermals auf die Fremde losgehen, aber der hammerharte Griff des Typen ließ sie keinen Millimeter aus.
»Halt! Es reicht jetzt, Kleine. Setz dich endlich hin und hör auf, jeden zusammenschlagen zu wollen!«
Er drückte sie auf den Holzbürgersteig zurück.
»Uns war nur langweilig und dein Sandwich sah so gut aus!«
Endlich gab Lindsay nach und wandte sich zu dem Typen um. Dann erst erkannte sie die seltsame Aufmachung von ihm. Er hatte einen etwas zerfledderten Strohhut auf den Kopf und einen der langen, dicken Ledermäntel, die man immer in diversen Western sah. Dieser hier wirkte allerdings etwas speckig und ziemlich abgetragen.
Er trug noch eine dezent karierte braune Hose, dessen eine Tasche eingerissen war. Darüber hatte er Hosenträger und darunter ein beigefarbenes Baumwollhemd. Lindsay sah ihn ungläubig an.
»Wie schaust denn du aus?« Der Typ lachte laut und seine grünen Augen funkelten im schmutzverschmierten Gesicht. Er zupfte lässig an seinen Hosenträgern. »Du hast ja keine Ahnung wie bequem das hier ist.«
Nun doch etwas sprachlos geworden, drehte sie sich zu dem Mädchen um, die grinsend von einem zum anderen blickte.
»Na, da bleibt dir die Spucke weg, was? Weißt du eigentlich, wie blöd du dreinschaust?«
Lindsay schnaubte verächtlich. »Pass bloß auf, Blondchen. Ich bin sehr wohl noch dazu imstande, dich zu verprügeln.«
Dann musterte sie auch die Kleidung der Fremden und schüttelte wieder den Kopf. »Habt ihr hier eine Kostümfete oder so was?« Die Frage schien gerechtfertigt, denn auch diese Becky war komisch angezogen. Sie trug ein hübsches, geblümtes Kleid, dessen Schnitt und Muster wirkten als seien sie der Fernsehserie ‚Unsere kleine Farm‘ entsprungen, allerdings war der Saum bereits stellenweise eingerissen.
Die blonden Haare hatte sie zu zwei halbwegs manierlichen Zöpfen geflochten. Dessen ungeachtet hatte sie Schmutzspuren im gebräunten Gesicht und sah zudem ebenfalls ziemlich verwahrlost aus. Die Fremde grinste »Wie kommst du auf so einen Quatsch!«
Lindsay runzelte nachdenklich die Stirn »Ähm, vielleicht, weil du aussiehst wie Mary Ingalls?«
»Ich bin doch nicht Mary Ingalls!« Genervt verdrehte sie die Augen »Sag mal, fällt dir nichts anderes ein?« Lindsay fand dieses Gespräch äußerst sonderbar.
»Ähm ...« Verständnislos starrte sie diese Becky an. »Nein, eigentlich nicht.«
Der Junge trat grinsend näher und zog seinen Hut, während er eine Verbeugung andeutete. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin Huck, wie Huckleberry Finn und die blonde Furie hier nennt sich Becky.«
Lindsay meinte ihren Ohren nicht zu trauen »Wie Becky Thatcher?« Das fremde Mädchen stieß einen triumphierenden Schrei aus »Mein Gott, jetzt hat sie‘s! Sie kennt Mark Twain!«
»Ähm, seid ihr sicher, dass ihr nicht irgendwo ausgekommen seid?« Huckleberry wies mit einem Finger auf sich.
»Was? Wir? Wie kommst denn auf sowas, Kleine?« Seine Augen funkelten amüsiert.
»Ach, wir sind harmlos. Im Sommer treiben wir uns immer hier herum, weil unser Vater Holzfäller in den Bergen ist. Da hat er einen Zusatzjob und lässt uns allein herumstreunen.«
‚Becky‘ nickte bestätigend »Jep, so isses. Interessiert ihn nicht die Bohne, was wir treiben.« Lindsay konnte sich das gar nicht vorstellen. Ihre Eltern würden sie sofort in die Badewanne stecken und sie abschrubben, wenn sie so herumlaufen würde. Mal abgesehen von der Standpauke, die sie sich würde anhören können, wenn sie sich in einer Geisterstadt herumtrieb.
»Ihr seid echt schräg, wisst ihr das?« Das schien dem Typen zu gefallen, denn er grinste. »Ja, vielleicht ein bisschen. Aber du bist unhöflich, wir haben uns so nett vorgestellt und wissen noch gar nicht, wer du bist.« Abwartend verschränkte er die Arme vor der Brust.
Lindsay blickte von einem zum anderen. »Du bist also Huckleberry Finn und du Becky Thatcher?« Beide nickten eifrig.
»Gut, wenn das so ist ...« Sie hielt ‚Huck‘ die Hand hin, »dann bin ich wohl Tom Sawyer.«
Eine Weile schwiegen die beiden Fremden, scheinbar vor Überraschung, doch dann brachen beide in Gelächter aus. Es dauerte nicht lange und Lindsay aka Tom fiel mit ein. Das Eis war gebrochen.
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   So 22 Mai 2011, 18:29

Teil 5

Zuerst teilte Lindsay aka Tom ihre Sandwiches mit den beiden, aber danach war es für sie an der Zeit sich ein wenig umzuschauen. Immerhin war das der Grund, weswegen sie überhaupt hergekommen war. Huck bot sich als Fremdenführer an, was Lindsay nicht bereuen sollte.
Er wusste ziemlich viel über die Stadt. Am Anfang führte er sie die Main-Street herunter, wo er sie auf gewisse Häuser besonders aufmerksam machte. Er wies auf ein ziemlich gut erhaltenes Haus, dessen Front zeigte, dass es scheinbar einmal ein Geschäft gewesen war. Die Fenster waren hoch und gaben den Blick auf einen alten, fast vollständigen Tresen frei. Sie erkannte sogar noch ein paar verblichene Utensilien, wie alte Dosen und Glasflaschen.
»Das war das einzige Geschäft hier. Es hatte damals alles von Stoffen bis über Lebensmittel und diverse Gerätschaften. Auch das Postamt war hier untergebracht.« Huck schien wirklich sehr viel über Silverstone zu wissen. Als sie ihn darauf ansprach, zuckte er mit den Schultern und grinste sie an. »Wer andauernd hier herumhängt, lernt so einiges.« Becky nickte eifrig »Ja. Wir haben schon ein paar Leute hier herumgeführt. Die haben uns sogar Geld dafür gegeben, weil sie dachten, dass wir irgendwie hier angestellt waren.« Lindsay zog eine Augenbraue hoch »Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum.«
Gemeinsam überquerten sie die Straße, und Lindsay fand allmählich Gefallen an dieser Stadtbesichtigung. Eifrig stieg sie auf den etwas baufälligen Holzsteg und stolperte sofort über ein riesengroßes Brett. Sie wäre der Länge nach hingefallen, wenn Huck sie nicht aufgefangen hätte. Wütend wollte sie dem Teil einen Tritt verpassen, doch Huck zog sie rechtzeitig zurück. »Lass es. Du tust dir garantiert weh.« Becky, die schon ein paar Schritte weiter war, lachte laut auf. »du schlägst wohl lieber auf alles ein, bevor du nachdenkst, nicht wahr?«
»Ach, halt den Schnabel, Becky.« Sie musterte etwas verärgert das Hindernis und erkannte auf einmal große aufgemalte Buchstaben. Früher waren sie sicher rot gewesen, aber jetzt waren sie verblichen. Mit Mühe und Not entzifferte sie einen Buchstaben nach den anderen. »Silver Dollar Saloon, wie einfallsreich.« Erstaunt sah sie sich das Gebäude, vor dem sie standen, näher an. »Das hier war der Saloon? Aber da ist ja überhaupt keine Schwingtür.« Etwas enttäuscht betrachtete sie die verwitterte Holztür mit der zerbrochenen Milchglasscheibe. Die Tür hing schief in den Angeln und schwang im Wind sachte hin und her. Huck deutete mit einer Kopfbewegung hin. »Schwingtüren, was für ein Quatsch. Hier erfrieren die Leute noch im Winter.«
»Oh, das hab ich ganz vergessen,« Sie grinste, »Aber reingehen kann ich noch allemal. Das wird ein Spaß.« Huck zuckte nur mit den Schultern. »Wenn du meinst.«
»Natürlich meine ich. Schaut doch gut aus. Scheinbar ziemlich robust, das Ding.« Sie lächelte verschmitzt »Ha, ich wollte schon immer in so einen Saloon rein.« Becky war nicht so begeistert. »Ach, bleib doch hier draußen. Die Bude ist baufällig und außerdem war das bekanntlich ein Ort des Lasters.« Es klang, als ob sie Angst hatte. Lindsay ließ sich indes nicht davon abbringen, sondern winkte nur ab. »Das weiß ich doch. Hab ja genug Western gesehen und ich werde schon darauf achten, wohin ich steige.«
Kaum hatte sie den alten Raum betreten, veränderte sich die Stimmung merklich. Huck folgte ihr, doch Lindsay hatte den Verdacht, dass er auch nicht gerade begeistert von dieser Aktion war. Becky blieb zurück und keiner sprach mehr ein Wort.
Es war eigenartig, an den übrig gebliebenen runden Tischen und an den wenigen Holzsesseln, die noch vereinzelt herumstanden, vorbeizugehen.
Auf dem Tresen standen noch Gläser, blind vom Staub der vielen Jahre, und eine alte Flasche, dessen undefinierbarer Inhalt noch goldbraun schimmerte, verstärkten noch das Gefühl der Verlassenheit und der Leere. Es sah aus, als hätten die Besucher von einem Augenblick auf den nächsten diesen Ort verlassen.
Der Saloon an sich war sehr einfach eingerichtet. Es gab keine dieser dicken Tapeten oder eine Galerie, wie man es manchesmal in den Filmen sehen konnte, dennoch war das Gebäude aus dicken Holzstämmen zusammengezimmert worden. Lindsay ahnte, dass das der Grund dafür sein könnte, dass die Wände alle noch standen. Interessiert blickte sie sich um. Huck zog ein großes Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte über eine Stelle auf dem Boden. »Schau, siehst du diesen dunklen Fleck hier?« Lindsay wandte sich um und kniete sich neben ihn hin. »Ja, das ... das sieht ja aus als ob ...«
»Ja, es ist ein alter Blutfleck.« Seine Stimme nahm einen dunkle Färbung an. »Das ist das Blut von Ted Parker.« Obwohl Lindsay nicht ängstlich war, rann ihr ein Schauer den Rücken hinunter. Das war echt gruselig. Ob er es wohl erfunden hatte? Egal, er hatte jedenfalls Talent, die Stimmung der Stadt zu verstärken.
Huck erhob sich wieder und zog Lindsay mit einem Handgriff hoch. Sein leichtes Grinsen ignorierte sie. Flüchtig warf sie noch einen Blick auf den dunklen Fleck. Fast meinte sie, die Gestalt eines Mannes zu erkennen, der dort lag, während sich das Blut langsam um ihn herum ausbreitete. Rasch versuchte sie das Bild wieder zu verdrängen, indem sie sich anderen Dinge zuwendete. Der alte Holztresen war vom jahrelangen Abwischen und Gläserrutschen glatt geschliffen und vom Alter dunkel gefärbt. Dahinter erkannte sie noch ein paar übriggebliebene Flaschen.
An der Seite zum Tresen führte eine Tür in einen weiteren Raum, doch als Lindsay darauf zusteuerte, hielt Huck sie zurück. »Lass es! Da war mal das dazugehörige Restaurant. Der Boden dort ist an vielen Stellen durchgebrochen und teilweise kann man den Vorratskeller darunter erkennen. Halt dich von dort fern. Da gab es Unfälle.« Diesmal nickte Lindsay nur, denn ein großes Warnschild prangte an der Tür ‚EINTRITT VERBOTEN‘. Sie erkannte eines dieser gelben Klebebänder, die die Polizei oft bei einem Tatort zur Absperrung verwendete. Irgendwer hatte es bereits weggerissen, doch Lindsay würde sich dennoch hüten, dort hinzugehen. Zumindest für den Augenblick.
Verschmitzt lächelnd wandte sie sich Huck zu. »Dafür, dass du dich als Huckleberry Finn bezeichnest, bist du aber schon etwas ängstlich, oder?« Huck grinste. »Ne, so sehe ich das mal nicht, doch meine Haut ist mir was wert. Irgendwann sind hier Leute eingebrochen. Da war die Hölle los. Glaube mir.« Er drehte sich um und schickte sich an, den Saloon wieder zu verlassen.
Lindsay sah ihn überrascht an. »Was? Du willst wieder gehen? Ich hab noch nicht mal alles gesehen.« Sie sagte es nur, um mutig zu klingen, doch insgeheim war sie froh, dass sie gehen konnten. Das beklemmende Gefühl seit dem angeblichen Blutfleck ließ sie nicht mehr los.
Huck zuckte mit den Schultern »Das ist nicht mein Problem. Ich kenn das hier alles schon. Da gab es schon oft Ärger, wenn die Parkranger hier auftauchten. Wenn du schlau bist, gehst du auch lieber. Hier gibts nichts mehr zu sehen. Ist nichts los.«
»Na gut. Dann halt nicht.« Sie wollte nur ungern zugeben, dass es ihr hier alleine zu unheimlich war.
Becky war erleichtert, beide wieder im Freien zu sehen. »Hey, Tommyboy, findest du nicht auch, dass es dort unheimlich ist?«
Einen Moment überlegte Lindsay, ob sie nicht einfach lügen sollte, doch dann seufzte sie. »Na ja, wenn du es so siehst ...« Sie zögerte kurz, »Irgendwie schon. Der komische dunkle Fleck und diese Knochen dort ...« Becky schlug sich eine Hand auf den Mund. Ihre Augen waren weit aufgerissen, doch Lindsay konnte sich nicht mehr zurückhalten und lachte laut los. »Haha, nein, keine Angst, Becky. Das mit dem Knochen hab ich gerade erfunden. Du hast recht. Es ist schon irgendwie unheimlich da drinnen.«
»Haha, sehr witzig! Du nimmst das mit dem Namen wohl sehr ernst, was?« Lindsay lachte noch immer. »Oh ja, mindestens so wie ihr!« Huck fuhr sich über den Mund »Naja, dieser Mord von damals war schon schlimm.« Becky stöhnte. »Nein, Huck. Bitte behalte deine Schauergeschichten für dich. Okay?« Doch Lindsay war neugierig geworden. »Oh, erzähl doch, Huck. Ich liebe so alte Geschichten!«
»Na gut. Dann kommt mal mit. Wir gehen an einen gemütlicheren Ort.« Becky schien etwas entspannter. »Ja, lass uns ins Quartier gehen!«
»Was für ein Quartier?« Lindsay sah sie fragend an.
»Ach, wir haben da eine Art Versteck.«
»Was? Hier in der Stadt?« »Ja,« Huck nickte, »Wir sind oft dort, wenn es regnet oder wenn uns kalt ist. Lass dich überraschen!« Er nahm Becky bei der Hand. »Komm mit! Wir müssen auf die Pine Street.« Lindsay folgte ihnen interessiert.


Zuletzt von Acey am Mi 27 Jul 2011, 12:59 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Mo 23 Mai 2011, 20:52

Teil 6

Sie bogen etwa in der Mitte der Stadt in eine Seitengasse, falls man es so nennen konnte. Von Pinien gab es hier keine Spur und die sogenannte Straße war fast gänzlich mit Unkraut überwuchert. Die alten Wagenspuren waren der einzige Hinweis dafür, das hier überhaupt jemand gewesen war.
Erstaunt folgte sie den beiden zu dem Hintereingang eines kleinen Holzhauses. Sie passierten ein altes Toilettenhäuschen und gelangten zu einem schmalen Hintereingang. Unsicher musterte Lindsay diese alte Hütte. Der Eingang war sehr niedrig und ziemlich schmal.
Huck schob einen großen Stein beiseite, der als Türzuhalter diente, und zwängte die Holztür auf, die knarrend nach innen schwang. Kühle, modrig riechende Luft schlug ihnen entgegen und Lindsay erschauderte.
Vorsichtig folgte sie den beiden in die Hütte und stand auf einmal in einen kleinen, niedrigen Raum. In der Mitte befand sich ein Tisch mit vier grobgezimmerten Sesseln und in der Ecke stand ein uralter Ofen. Becky hantierte etwas herum und bald erhellten Kerzen das schummrige Innere des Hauses. Die Fensterläden waren nur einen kleinen Spalt offen, damit etwas Luft und ein kleines bisschen Licht herein konnte.
Lindsay sah sich ein wenig um. Der Boden war nur mit groben Brettern ausgelegt und es roch nach verbranntem Holz und Staub, dennoch wirkte es irgendwie gemütlich. Eine alte Tischdecke zierte den Tisch und jemand hatte tatsächlich Blumen in eine Blechdose gestellt.
»Was zum Teufel habt ihr hier gemacht? Das sieht ja aus, als ob ...« Sie wollte schon sagen, ‚als ob es ständig bewohnt wäre‘, doch sie hielt, sich zurück, »Es sieht sehr gemütlich aus.« Becky lächelte stolz. »Ist super hier. Nicht?«
»Ja« Lindsay nickte, »das kann man wohl so sagen.« Zum zweiten Mal seit sie in dieser Stadt war fühlte sie sich etwas unbehaglich. Sie konnte sich nicht erklären, woran es lag, dennoch beschlich sie ein komisches Gefühl. Schön langsam vermutete sie, dass sie es womöglich doch mit Ausreißern zu tun hatte, doch sie sprach es nicht aus. Stattdessen kramte sie in ihrem Rucksack und holte zwei Dosen mit Saft und eine Flasche mit Wasser hervor. »Na dann ... ich spendiere die Drinks und Huck kann endlich seine Geschichte erzählen!« Becky seufzte. »Ich finde die Geschichte nur unheimlich und traurig. Aber wenn du unbedingt willst ...«
»Ja, ich will!« Hucks Augen blitzten auf. »Ach, die ist nicht unheimlich, finde ich. Damals war es ganz normal wenn jemand getötet wurde.« Lindsay liebte solche Geschichten. Eine Schauergeschichte in einer Geisterstadt. Ob man damit auch Geld verdienen konnte? Lindsay lächelte, bei diesen Gedanken.
Huck lehnte sich zurück und senkte seine Stimme zu einem rauen Flüstern. »Im April des Jahres 1897 tobte hier der letzte Kampf um Reichtum und Überleben. Die Silberfunde waren zurückgegangen und die ersten Bewohner verließen bereits diese ehemals reiche Stadt, um woanders ihr Glück zu versuchen.
Ein paar Wenige wollten nicht aufgeben, und beschlossen tiefer in den Berg hineinzugraben. Das Gerücht, dass es noch verborgene Silberfunde dort gab, motivierte eine Gruppe von fünf Männern. John Hendson, Pete Donelly, Jack und Alan Winters und der Ute-Indianer Chua Bigfeather. Gemeinsam sprengten sie weiter in die vorhandene Mine hinein, doch es kam zu einem Unglück. Die Sprengung war entweder nicht richtig ausgeführt worden, oder es war einfach Pech, jedenfalls lösten sich gewaltige Felsbrocken und begruben diese Männer unter sich. Natürlich stellte man sofort eine Gruppe zusammen, um sie zu suchen, doch sie hatten keinen Erfolg.« Huck machte eine kleine Pause, doch Lindsay wurde ungeduldig. »Keine künstlerischen Pausen. Erzähl einfach weiter!«
Huck grinste, doch Becky schüttelte den Kopf. »Oh bitte. Diese Geschichte ist so traurig.« Ihre Augen verdunkelten sich und sie wirkte auf einmal unglücklich, doch Huck erzählte ungerührt weiter.
»Nach mehreren Tagen wurden Chua Bigfeather und Pete Donelly vollkommen verwirrt und nur leicht verletzt außerhalb des Gebietes der verpatzten Sprengung aufgefunden. Sie fantasierten von einer unglaublichen Silberader, die sie entdeckt hatten. Die ganze Stadt könnte davon profitieren, erzählten sie. Wenn sich nur ein paar Männer dazu entschließen würden, mitzumachen.
Sie wurden zwar ärztlich versorgt doch man schenkte ihnen keinerlei Glauben, da sie so verwirrt gewesen waren. Sie wussten nicht einmal, wie sie heil aus dem Bergwerk herausgekommen waren. Eine Weile suchte man noch nach den anderen Männern, aber sie hatten kein Glück. Die Mine wurde aus Respekt vor den toten Männern geschlossen. Keiner machte sich die Mühe, der Sache nachzugehen. Der Indianer und Mr. Donelly beließen es dabei.«
Hucks Stimme nahm an Intensität und Lautstärke zu. »Der Holzfäller Ted Parker allerdings, war hellhörig geworden und entschloss sich doch dazu, der Sache nachzugehen. Er erzählte seiner Frau, er würde nach Durango gehen um sich dort einer Holzfällergruppe anzuschließen, da aus dem Traum vom großen Reichtum wohl nichts werden würde. Es war damals üblich, dass die Männer ab und zu auf Wanderschaft gingen, um bei den größeren Städten Arbeit zu finden. Auf eigene Faust inspizierte er die Unglücksstelle und fand tatsächlich einen Weg in den Berg.« Er senkte die Stimme wieder ein wenig. »Respekt vor den Toten war in seinen Augen kein ausreichender Grund dafür, zu hungern und im Winter zu frieren. Er blieb mehrere Wochen verschwunden. Im Hochsommer des Jahres 1897 kehrte er als reicher Mann zurück. Seine Frau bekam wunderschöne Stoffe für sich und die Kinder. Er brachte feines Mehl mit, den schönen, weißen Zucker, den man sonst nur sehr selten bekam und noch viele unsagbare Schätze mehr. Das Mädchen erhielt wunderschöne, gebundene Bücher, aus denen sie der Familie vorlesen konnte.« Er warf einen aufmerksamen Blick auf Lindsay. »Mrs. Parker war eine Lehrerin, doch die Stadt hier bekam niemals eine Schule. Deswegen brachte sie den Kindern Lesen und Schreiben zuhause bei.«
Er zuckte mit den Schultern. »War damals üblich!« Lindsay nickte. Sie wusste, wie es damals zugegangen war. Zumindest in solchen vergessenen Gegenden. Huck erzählte weiter. »Der Reichtum dieser Holzfällerfamilie blieb den Leuten von Silverstone natürlich nicht verborgen. Sie versuchten, Parker auszuhorchen, doch er berichtete von einem gut bezahlten Job in Durango und hüllte sich sonst in Schweigen. Die ersten Gerüchte entstanden. Bigfeather und Pete Donelly wurden misstrauisch und beschlossen der Sache auf den Grund zu gehen. Sie kehrten gemeinsam zu der Mine zurück und entdeckten, was sie schon vermutet hatten! Hier hatte jemand das Verbot missachtet und war in das Bergwerk eingedrungen. Sofort war ihnen klar, es konnte nur Ted Parker gewesen sein. Es kam, wie es kommen musste. Vergessen war der Respekt vor den Toten, denn auf einmal war die Aussicht auf Silber viel wichtiger. Armut und Raffgier gingen Hand in Hand.«
Huck stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab, während er mit den Händen seine Erzählung unterstrich. »Sie stellten den Holzfäller im Silver Dollar Saloon zu rede, beschuldigten ihn des Diebstahls und der Störung der Totenruhe.« Er hielt inne und warf einen nachdenklichen Blick zum Fenster hinaus. Seine Stimme wurde etwas leiser. »Wenn Parker schlau gewesen wäre, hätte er alles abgestritten und wäre einfach geflohen. Seine Familie und er waren wohlhabend genug um überall neu starten können.« Hucks Stimme wurde wieder lauter. »Doch Parker lachte nur und meinte, die Stadt hätte damals selber beschlossen die Mine zu schließen, also war es kein Diebstahl, sondern nur die Störung der Totenruhe.«
Becky seufzte leise. Sie schien nicht glücklich über diese Geschichte zu sein. Hucks Stimme wurde eindringlicher und die beiden Mädchen zuckten zusammen, als er eine wilde Handbewegung machte.
»Der Indianer zog ein Messer und stürzte sich auf ihn! Im Saloon schrien ein paar der hübsch geschmückten Damen erschreckt auf. Die Männer, die in der Nähe der beiden standen, traten sicherheitshalber zurück. Alle hatten Respekt vor Bigfeather, denn es ging das Gerücht um, er hätte schon mal jemanden getötet. Der Holzfäller, ein großer starker Mann sah es anders. Es kam zu einem wilden Handgemenge, ehe er mit einem gezielten Faustschlag den Indianer niederschlug. Als er eilig den Saloon verlassen wollte, entdeckte er, das Bigfeather ihn erwischt hatte und er erkannte, dass er dem Tode geweiht war. Während er sein Leben im Saloon aushauchte und sein Blut den Boden tränkte, schlich sich Nettie Rose, eine der Saloondamen, zum Hintereingang hinaus. Sie lief geschwind zum Parker-Haus um die ahnungslose Frau zu warnen. Mrs. Parker erfuhr von ihr vom Tod ihres Mannes, ehe Nettie für immer im Dunkeln der Nacht verschwand. Sofort, ohne sich zeit zum Trauern zu geben, begann Mrs. Parker das Wichtigste auf den Wagen zu laden. Der Junge, der alt genug war um zu verstehen was passiert war, spannte sofort die Pferde vor. Das Mädchen klammerte sich an eines ihrer Bücher und weinte leise vor sich hin. Sie wollten in derselben Nacht noch die Stadt verlassen, da sie den Mob fürchteten. Garantiert würden sie sich heute noch rüsten um sich an den vermeintlichen Reichtümern zu laben. Die Stadt war dem Untergang schon zuvor geweiht gewesen, doch die Aussicht auf Reichtum, ob unrecht erworben oder nicht, ließ die Meute alles vergessen.«
Huck hielt inne und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Becky war etwas blass geworden. Lindsay sah ihn gespannt an. »Na los! Erzähl weiter!« Sie hasste es, wie er absichtlich eine Erzählpause einlegte. Die Geschichte war gleichermaßen dramatisch wie traurig, doch sie wollte den Schluss hören.
Huck blickte zu Becky, die wie erstarrt da saß und er verzog leicht seinen Mund. »Soll ich wirklich, Becky?«
Lindsay verdrehte die Augen. »Also ehrlich! Ihr kennt doch beide diese Geschichte schon, Becky.«
»Ja, schon. Ich mag sie trotzdem nicht. Sie ist furchtbar.«
Lindsay fand die Reaktion von Becky etwas übertrieben, obwohl die Geschichte sicher traurig war. Sie vermutete sowieso, dass sich Huck das meiste davon ausgedacht hatte.
Kopfschüttelnd wandte sie sich ihm zu. »Erzählst du mir jetzt auch noch den Schluss, oder muss ich darauf bis in alle Ewigkeit warten?«
Ein wissender Ausdruck trat in seine Augen. »Na ja, die Ewigkeit kann ganz schön lange dauern.« Er sprach die Worte bedächtig aus und ein Schauer lief Lindsay über den Rücken. Es schien ihr, als ob sich in diesem Augenblick ein Schatten über diese gemütliche Stube gesenkt hatte.
Huck schlug sich auf die Schenkel und lachte lauthals auf. Lindsay zuckte nervös zusammen. Als sie erkannte, dass er sie auslachte, fuhr sie ihn wütend an. »Verdammt, du hast mich erschreckt!« Mann konnte der nerven! Heimlich schwor sie sich, es ihm irgendwann heimzuzahlen.
»Du hättest dich jetzt mal sehen sollen, Tommyboy.« Huck grinste über das ganze Gesicht.
Becky warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. »Er kann einem den letzten Nerv rauben.« Sie nickte. »Ja, das kann ich mir vorstellen.« Huck tat, als wäre er gekränkt. »Na dann lass ich es halt einfach.« Lindsay sprang auf und funkelte ihn an. »Wenn du nicht sofort weitererzählst, dann ...!«
Ihre Drohgebärde brachte ihn zum Lachen. »Oh ja, das kann ich mir vorstellen. Tom Sawyer, der Schläger. Steht dir irgendwie.«
Dann hob er beschwichtigend die Hände. »Schon gut. Ich mach ja schon.«
Lindsay ließ sich abermals auf den alten Holzsessel fallen und Huck fuhr fort. »Mrs. Parker hörte die Männer kommen und wies die Kinder an, sich im Keller zu verstecken. Sie öffnete ihnen die Klappe zu dem unterirdischen Raum. In ihrem Blick lag die Gewissheit, dass sie verloren waren. Das Mädchen hatte Angst und wimmerte vor sich hin, doch ihr Bruder nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich in den unterirdischen Raum. Die Klappe schloss sich wieder und die Mutter legte zuerst den Teppich an die Stelle und schob danach eine Kommode darüber.«
Hucks Stimme änderte sich erneut. Sie klang jetzt dumpf und eindringlich. Lindsay lauschte nur mehr ehrfurchtsvoll, obwohl sie ahnte, wie es ausgehen würde.
»Sie kamen zu zwölft und luden den toten Mann vor der Haustür ab. Sie waren wie blind, gegenüber der Frau, die nur versuchte ihre Kinder und sich selbst zu retten. Sie forderten sie dazu auf, all das übriggebliebene Silber an ihnen auszuhändigen, da es vermeintlicherweise der Stadt gehörte.
Die Frau nahm das Gewehr ihres Mannes, um sie in Schach zu halten. Bigfeather trat hervor und verlangte das restliche Silber. Seine Augen sagt man, glühten vor Gier und er war bereit, das Haus zu plündern und sogar die Frau zu töten.
Der Zorn, die Trauer und der Hass nahmen überhand und Mrs. Parker hob das Gewehr und zielte auf den Indianer. Er war der Mörder ihres Mannes. Nettie Rose hatte es erzählt. Als der Schuss fiel und er tot zu Boden stürzte, traf sie ein Messer mitten in der Brust! Keiner erkannte, wer es geworfen hatte. Kein Mensch sah die Gestalt, die im Dunkeln davoneilte. Später vermutete man, es wäre eine Indianerin gewesen. Doch niemand konnte es beweisen. Entsetzen breitete sich aus. Ein Raunen ging durch die Menge und all diese Männer erkannten auf einmal, was die Aussicht auf Silber aus ihnen gemacht hatte. Die tödlich getroffene Frau hauchte ihr Leben vor ihrem Haus aus. Das Letzte was sie gesagt haben soll, ehe sie starb, war: Rettet meine Kinder.«
Huck trat zum Fenster und blickte wiederholt hinaus. Lindsay war wie betäubt und Becky hatte Tränen in den Augen.
Als Huck sich ihnen wieder zuwandte, lächelte er ihnen aufmunternd zu. »Hey, es ist nur eine dieser vielen Geschichten, die in dieser Stadt entstanden sind.«
»Was passierte mit den Kindern?« Lindsay hatte die Frage ganz leise gestellt. Becky hatte recht gehabt. Es war eine sehr traurige Geschichte über Neid, Habgier und Zorn.
Huck atmete tief ein und zuckte mit den Schultern. »Man vermutete damals, dass sie geflohen wären. Da Nettie Rose nicht mehr auftauchte, nahm man einfach an, sie hätte sie mit sich genommen und irgendwo ein neues Leben angefangen. Ich vermute allerdings, dass sie nicht entdeckt wurden.« Lindsay riss die Augen erschrocken auf. »Du meinst doch nicht etwa, dass sie niemand aus diesem Keller befreit hat?« Der Gedanke daran, dass kein Einziger auf die Idee gekommen war, im Haus nach den Kindern zu suchen, erschütterte sie. Grausamer konnte es gar nicht enden. Huck nickte. »Es ist durchaus möglich. Natürlich ist es nur eine dieser Geschichten. Vielleicht sind die Kinder wirklich mit Nettie Rose mitgegangen. Doch niemand hat jemals wieder einen von ihnen gesehen.«
Lindsay hätte noch länger über diese Kinder nachgedacht, wenn sie nicht einen Blick zum Fenster hinausgeworfen hätte. Es dämmerte schon! Hastig sprang sie auf. »Oh Mann, ich hab völlig die Zeit vergessen! Das gibt sicher Ärger!« Der Blick auf die Uhr zeigte ihr, das es nach sieben Uhr war. Verzweifelt raufte sie sich die Haare.
Huck lachte auf. »Ach was! Ist sicher nicht so spät, wie du glaubst.«
»Doch!« Die nackte Panik leuchtete aus ihren Augen. »Ist es, Huck. Ist es!« Insgeheim hoffte sie, dass noch niemand auf die Idee gekommen war, sie zu suchen. Fluchend stürmte sie zu Tür hinaus. Die beiden folgten ihr.
Es war Huck, der auf einen Weg zwischen die Häuser wies »Komm mit. Das ist eine Abkürzung. Der Weg über die Main-Street ist zu lange.« Becky nickte. »Ja, da hat er recht!«
Sie kamen zu einer Böschung mit einem Hohlweg, der sie direkt zurück zum Flussufer führte. Wenn man es nicht wusste, konnte man ihn gar nicht erkennen. Es war etwas steil, doch für ein sportliches Mädchen wie Lindsay leicht zu bewältigen. Sie konnte schon von oben ihr Kanu erkennen, welches unberührt im Kies lag. Hastig winkte sie den beiden zu, ehe sie ihr Kanu packte und es hochhob. Huck deutete ihr, wohin sie musste, und sie konnte Beckys Stimme noch hören, die ihr nachrief. »Kommst du wieder vorbei?«
»Ja, klar!« Sobald ihre Eltern sie wieder aus ihren Klauen ließen. Morgen konnte sie es garantiert vergessen. So viel stand fest! Sie winkte noch einmal, ehe sie den kleinen Weg fand, den Hank ihr beschrieben hatte. Erleichtert erkannte sie das erste Hinweisschild, das ihr den Weg wies. Bevor sie zwischen den hohen Gräsern und den vereinzelten Büschen verschwand, erkannte sie noch die beiden Gestalten, die oben auf der Böschung standen, und ihr nachzublicken schienen.


Zuletzt von Acey am Mi 27 Jul 2011, 13:13 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Sa 02 Jul 2011, 00:09

Teil 7

Lindsay entschloss sich dazu, den gesamten Weg zum Campingplatz mit dem Kanu zurückzugehen.
Sie wollte nicht riskieren, beim Kanufahren Probleme zu bekommen, denn die würde sie auch ohne Paddeln haben, wenn sie zurückkam.
Der Weg retour war mit vielen Schildern gut gekennzeichnet und für sie kein Problem. Er war breit und eben, so ging es sich trotz zusätzlicher Belastung sehr gut.
Sie hatte schon viele Kanus und Kajaks durch die Gegend getragen. Es war gar nicht schwer und außerdem üblich, wenn man auf Flüssen unterwegs war.
Als sie am Schluss des Weges über die Holzbrücke ging, die Hank ihr beschrieben hatte, war sie schon etwas nervös.
Es war auch Hank, der sie zuerst sah. Er stand abwartend da, die Hände vor der Brust verschränkt und blickte ihr entgegen.
Ihre Schritte verlangsamten sich und ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Erst als sie vorsichtig ihr Kanu abgesetzt hatte, fand sie den Mut etwas zu sagen. »Es ... es tut mir leid. Eigentlich wollte ich gar nicht ... aber dann verging die Zeit so rasch mit Becky und ...« Ihr Herumgestotterte ärgerte sie, doch Hank äußerte sich noch nicht, sondern musterte sie einfach weiterhin.
»Ich bekomm Ärger, Stimmts?« Eigentlich musste sie gar nicht fragen, denn sie war sich auch so der Situation bewusst.
Hank nickte ernst »Jep. Den bekommst du.« Als er nichts weiter sagte, reichte sie ihm das Paddel unsicher. »Ähm, muss ich irgendwo eintragen, dass ich wieder hier bin?«
»Nein. Das sehe ich auch so. Deine Mutter, nun, sie wollte vor einer Stunde mit dem Boot los um dich zu suchen. Ich habe sie davon abgehalten. Nachdem du keine Zeit eingetragen hattest und so ein witziges Smiley hinterlassen hast, dachte ich mir, du wirst schon auftauchen.« Er runzelte die Stirn. »Allerdings nicht so spät.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich wollte auch nicht so spät kommen.« Sie verzog den Mund etwas. »Weil ich weiß, was das bedeutet. Kanufahren ist gestrichen.« Etwas besorgt warf sie einen Blick in Richtung Campinggelände. »Na ja, zumindest morgen, nehme ich halt an.« Hank nickte. »Und übermorgen auch noch.«
»Was?« Sie war verwirrt, doch Hank lächelte ihr zu. »Weil du hier bei mir sein wirst. Von neun Uhr in der Früh bis am Abend. Wer weiß? Womöglich gibt es den einen oder anderen Kanufahrer, der auch bis zum Einbruch der Dunkelheit mit seiner Rückkehr wartet.« Während Lindsay noch darüber nachdachte, was er nun genau meinte, fuhr er ungerührt fort. »Das würde bedeuten ...,« er warf einen Blick auf seine Armbanduhr », bis um etwa halb neun am Abend.« Jetzt begriff sie es endlich und sie fuhr zornig zu ihm herum. »Das ist doch nicht dein Ernst! Ich soll hier arbeiten? Hier bei dir?« Er grinste sie breit an. »Jep, genauso ist es. Der Vorschlag kam übrigens nicht von mir. Nein, er kam von deiner Mutter. Sie hat so gute Ideen, findest du nicht? Und ich könnte dringend Hilfe gebrauchen. Die Saison hat erst begonnen.«
Lindsay war sprachlos. Hank verstaute das Kanu und stellte das Paddel zu den anderen, ehe er sich ihr wieder zuwandte. »Sie haben sich Sorgen um dich gemacht. Wäre nicht deine Schwester Sue gewesen, hätten sie eine Suchaktion angezettelt. Ihr hast du es zu verdanken, dass du nur hier bei mir arbeiten musst, anstelle von Wohnmobilhüten. Sie war der Meinung, dass du garantiert nicht in Schwierigkeiten gesteckt hast. Denn ... ich zitiere ... Lindsay ist die beste Paddlerin, die ich kenne ...«
Ja, das klang sehr nach Sue. Sie nickte ergeben. »Gut, dann werden Becky und Huck wohl noch einige Tage auf mich warten müssen.« Sie seufzte tief. »Ich war in Silverstone. Dort war es so interessant, dass ich wirklich auf die Zeit vergessen habe.«
Das hatte sich der Mann schon gedacht. »Gut, das Sue nur ans Kanufahren gedacht hat und nicht daran, dass du womöglich in einer alten, zerfallenen Stadt über zerbrochene Bretter und Glasscherben kletterst. Denn das war es nämlich, was ich gedacht habe.« Sein Tonfall hatte ernst geklungen und endlich hob Lindsay den Kopf um ihn anzusehen. »Ich habe wirklich nur die Zeit vergessen. Es war so aufregend und spannend in dieser Geisterstadt. Es ist auch gar nichts passiert. Ich war nur im Saloon, aber nicht in dem alten Restaurant, und Becky und Huck haben mich durch Silverstone geführt und mir allerhand erklärt. Es war sehr interessant.« Alles war interessant gewesen, auch die Geschichte von dem Mord und dem Silber und den Kindern. Sie schluckte. Ja, es war interessant gewesen und tragisch und auch sehr traurig. Fahrig fuhr sie sich durchs kurze Haar.
Hank wusste nicht, wovon sie sprach, dennoch fand er, dass sie auf einmal nachdenklich wirkte. Ganz anders als zuvor, wo sie ihm am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. »Ist alles in Ordnung?«
Lindsay zuckte leicht zusammen, sie hatte fast auf ihn vergessen. »Ja, ich ... ich komme morgen pünktlich um neun Uhr.«
»Okay.« Sein prüfender Blick ruhte auf ihrem Gesicht. Sie biss sich auf die Unterlippe.
Wieso hatte sie all das erzählt? Was, wenn diese beiden Jugendlichen wirklich Ausreißer waren? Einerseits hatten sie Lindsay nicht darum gebeten, den Mund zu halten, andererseits fühlte sie, dass diese beiden ein Geheimnis teilten. Jedenfalls wollte Lindsay sie nicht verraten. Sie straffte ihre Schultern und winkte nur kurz zum Abschied, ehe sie rasch den schmalen Pfad zu den gemieteten Plätzen hinab ging. Hank sah ihr nachdenklich hinterher. Ein seltsames Mädchen war sie schon. Einmal benahm sie sich wie eine Zwölfjährige und im nächsten Augenblick ließ sie einen fast vergessen, was für ein Gör sie sein konnte. Jetzt gerade war so ein Augenblick gewesen. Hinter ihrer Fassade aus Schlagfertigkeit und Kind steckte eine junge nachdenkliche Frau. Eine seltsame Person. Irgendwie war er schon gespannt auf den morgigen Tag. Ob sie ihre Strafarbeit machen würde? Oder würde sie ihre lockeren Eltern um den Finger wickeln? Irgendwie wollte er an Ersteres glauben. Seufzend begann er, die Kanus wegzuräumen.

Lindsay hatte wirklich die besten Eltern der Welt. Sie trat zögernd auf den Tisch zu, den sie aufgestellt hatten. Beide blickten auf, als sie kam. Kevin, ihr Vater stand sofort auf. »Verdammt, Lindsay. Wir dachten schon, du hättest Schwierigkeiten! Bist du denn vollkommen verrückt geworden, solange ohne Nachricht wegzubleiben?« Sie erkannte in seinen Worten die große Sorge und bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten. »Es ... es tut mir leid. Ich habe auf die Zeit vergessen. Es war überhaupt nicht meine Absicht.« Lydia, die etwas feinfühliger war, drückte ihre Tochter fest an sich. Sie war froh, sie heil wieder hier zu haben. Wir hatten wirklich Angst um dich! Obwohl Sue und ständig beruhigt hat. Sie hat uns aufgezählt, wie oft du schon auf wilden Flüssen unterwegs warst. Das war sie die uns davon abgehalten hat, sofort eine Suche nach dir einzuleiten.« Kevin nickte. »Ja, Sue und mein Wissen um dein Alter und deine Fähigkeiten, selbst in Problemsituationen den Überblick zu bewahren.«
»Ich werde euch nie wieder im Unklaren darüber lassen, wie lange ich weg sein werde.« Ihre Stimme wurde leiser als sie sich ihrer Mutter zuwandte. »Ich wollte nur diesen Hank ärgern. Irgendwie hat er mich genervt. Entschuldige bitte.« Ihre Mutter lächelte ihr zu und strich ihr über den Kopf. »Ich weiß, Schatz, ich weiß.« Dann kam auch schon Sue aus dem Wagen gestürmt. »Oh Mann, Lindsay, du hast ganz schön Ärger.« Sie hob drohend den Zeigefinger. »Dass du mir das ja nie wieder machst, okay? Du hast ja keine Ahnung wie verrückt unsere Eltern sich aufgeführt haben. Zu ihrem Glück war ja ich da, um sie zu beruhigen.« Auch sie umarmte ihre Schwester und flüsterte ihr zu. »Ich hoffe, die Aufregung hat sich gelohnt. Ich will alles über diesen Ausflug hören.« Lindsay lächelte, »Ja, ich werde dir alles erzählen.«
»Ja, das musst du auch.« Kevin meldete sich zu Wort. »Aber jetzt wirst du erst etwas essen. Setz dich hin.« Ihre Mutter richtete ihr einen Sessel her. »Ja, ich hab Hühnchen und Reis. Ich hoffe du hast Hunger.« Ja, den hatte sie, wo nun alles ausgesprochen war. Naja, fast alles.
»Du, Bridget hat schon zweimal angerufen.« Sue wirkte etwas unruhig. »Sie sagte, du sollst sie dringend zurückrufen, es geht um ...« Sie warf einen Blick auf ihre Eltern, ehe sie ihre Stimme senkte. »Es geht um Tony, glaub ich. Eigentlich hat sie ja zuerst dich auf deinem Handy angerufen, doch du hast nicht abgehoben.« Lindsays Herz setzte für einen Augenblick aus. Natürlich nicht. Sie hatte den ganzen Tag nicht auf ihr Handy geschaut. Als sie aufstehen wollte, um in den Wagen hineinzugehen, hielt ihr Vater sie zurück. »Zuerst isst du etwas und danach kannst du zurückrufen.« Sie erkannte an seinem Tonfall, dass er keinen Widerspruch duldete. Da sie ihr Glück heute schon zur Genüge strapaziert hatte, beschloss sie, nachzugeben und schob gehorsam ihre Gabel in den Reishaufen.
Den Appetit hatte sie allerdings schon wieder verloren. Das ungute Gefühl wegen Tony verstärkte sich noch in den nächsten zwanzig Minuten, als sie ihr Essen einfach hinunterschlang. Wenn Bridget so oft anrief, war es etwas Ernstes.
Sie schnappte sich ihr Handy und wählte ihre Freundin an, die nach dem ersten Klingeln schon abhob. »Endlich! Wo bist du nur den ganzen Tag gewesen?! Ich habe dich mindestens viermal angerufen!«
»Ich war ... unterwegs. Was ist passiert?« Als Bridget zögerte, verstärkte sich das mulmige Gefühl.
»Hm, sitzt du gut, Lindy?«
»Ja, Bridge, ich sitze. Sag schon. Es ist Tony. Stimmts?«
Wieder zögerte ihre Freundin kurz, ehe sie sprach. »Naja, Kate schmeißt morgen eine Poolparty im Haus ihres Bruders und es schaut so aus, als ob ... als ob Tony mit Sarah dort hingeht.«
Lindsay erstarrte. Es war also soweit. Sarah hatte nur darauf gewartet, dass sie weit weg war und Tony ...
»Lindy, bist du noch da?« Bridget klang besorgt. »Es tut mir leid. Lindy, ich wollte es eigentlich zuerst nicht sagen. Aber nachdem wir die besten Freundinnen sind ... naja, du hättest mich umgebracht, wenn du nachhause gekommen wärst und ich hätte nichts gesagt.« Lindy nickte, obwohl Bridget das nicht sah. Sie versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Ja, du bist meine beste Freundin.« Sie wäre stinksauer geworden, wenn sie es erst zuhause erfahren hätte. »Mach dir keinen Kopf, Bridge. Das mit Tony, das hab ich kommen sehen.« Sie schluckte. Er war einfach zu gutaussehend. Sie hatte es von Anfang an gewusst. Nur war es so schön gewesen. Er im Football-Team und sie, eine der besten Sportlerinnen der Schule. Ja, es war wie in diesen Teenie-Filmen gewesen. Zu schön um wahr zu sein.
»Bridge, ich ... ich muss jetzt auflegen.« Sie versuchte, die Tränen wegzublinzeln. »Morgen melde ich mich wieder.« Noch bevor Bridget etwas erwidern konnte, drückte sie die Aufleg-Taste.
Eine Weile blieb sie einfach nur sitzen und lehnte ihren Kopf an die kitschige rotgelb- geblümte Sitzbank. Sie gestattete es sich nicht, zu weinen, nicht jetzt in diesem Augenblick.
So lief es halt im Leben. Tony und sie waren einfach nur der Highschool-Traum schlechthin gewesen.
Und Träume sind Schäume ...


Zuletzt von Acey am Do 11 Aug 2011, 18:23 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   So 03 Jul 2011, 19:44

Teil 8

Lindsay drehte das Wasser in der Dusche ab und wickelte sich in ihr riesenhaftes Handtuch. Sie hatte in dieser Nacht nicht besonders gut geschlafen und war sehr früh aufgestanden.
Dieser Morgen passte zu Lindsays Stimmung. Hoffnungsvoll betrachtete sie den verhangenen Himmel. Vielleicht würde es ja heute noch regnen?
Sie schlich sich in ihre Kabine und zog rasch eine Bermuda und ein blaues T-Shirt über einen einfachen Badeanzug an.
Wie sollte sie diesen Tag nur überstehen? Ständig tauchten Bilder von Tony und Sarah zusammen auf. Sie hätte es wissen müssen! Es war so deutlich gewesen! All diese Zeichen, wie Sarahs Benehmen und Tonys Bemerkungen, wenn sie in der Nähe war. Auch wenn er spöttisch darauf reagiert hatte, er hatte sich zweifelsohne geschmeichelt gefühlt. Hastig wischte sie die beginnenden Tränen zurück. Auf keinen Fall würde sie andauernd herumheulen! Das wäre noch schöner! Wenn er so ein Mensch war, dann war es womöglich besser so.
Als sie einige Zeit später den Weg zu Hanks Kanuladen hochlief, war sie fast bereit, das Thema ‚Tony‘ zu vergessen, zumindest fürs Erste ...

Hank wartete bereits auf sie. »Guten Morgen. Erstaunlich, es ist noch nicht mal neun.« Lindsay rang sich ein schiefes Grinsen ab. »Guten Morgen, ja, echt erstaunlich, und das, obwohl ich eigentlich Urlaub hab.«
Er entgegnete nichts darauf sondern wies auf die Kanus im Inneren des Schuppens.
»Hier, diese fünf kleinen Freizeit-Kanadier gehören zuerst hinaus.« Lindsay nickte, denn sie wusste, diese Kanuarten waren für die allgemeinen Paddler gedacht. Sie konnten mit den Tourenkanadiern nicht mithalten, würden aber Anfängerfehler verzeihen. Gekonnt machte sie sich daran, sie aus den Verankerungen zu heben und sie auf die Trägerwand im Freien zu platzieren. Hank beobachtete sie vorsichtig. Irgendetwas war heute anders als sonst. Er wusste nur nicht, was. »Heute kommt eine Familie, die wir flussaufwärts mit dem Motorboot bringen müssen, damit sie sich dann wieder hierher zurücktreiben lassen können. Die haben sich für einen Tourenkanadier angemeldet. Sie bestehen auf die fünf km - Tour.« Lindsay nickte nachdenklich. »Hm, sicher eine schöne Strecke. Wird es heute Regen geben?«
Hank wirkte etwas überrascht. Sie passte tatsächlich auf. »Ja, es kann sein.« Lindsay wies auf den Himmel. »Aber ist es dann klug, wenn diese Familie fünf km flussabwärts paddelt?«
Er wusste, was sie meinte. »Sie wirkten recht vernünftig. Zumindest was das Flussabwärtspaddeln angeht. An und für sich hat der Fluss zurzeit einen niedrigen Wasserstand. Es sollte also nichts passieren.« Er kannte die Leute und hoffte, sie würden aufpassen. Sie waren bereits das zweite Jahr hier auf diesem Campingplatz, um ihren Familienurlaub zu verbringen, dennoch hatte es im Vorjahr nicht einen solch niedrigen Wasserstand gegeben. Jedenfalls war es ihr eigenes Risiko, wenn sie losfuhren. »Ich werde ihnen sagen, dass sie es sich überlegen sollen, falls es starken Regen gibt. Aber wenn sie dennoch fahren wollen, dann ...« Lindsay nickte, sie wusste Bescheid. Es war letztendlich immer deine eigene Entscheidung. Ja, genauso wie bei Tony. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass er kein Kind von Traurigkeit war, dennoch hatte es gut zwischen ihnen funktioniert. Rasch wandte sie sich den weiteren Kanus zu. »Was soll ich als Nächstes tun?«
Hank musterte sie prüfend. Sie schien auf einmal so ernst zu sein. »Nun, ich hätte einige Boote zu reparieren.«
»Gut. Ich helfe dir.« Hank schaute etwas zweifelnd drein. »Naja, ich habe zwei Kanadier, deren Gummiteile am Kiel abgenützt sind, aber ...« Sie ließ ihn nicht weitersprechen. »Gib mir die Gummilösung und ich mache das.« Sein zweifelnder Blick irritierte sie. »Na, was ist? Soll ich hier Wurzeln schlagen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Wenn du das kannst ...«
Lindsay verlor die Geduld »Du bist ein echter Witzbold, nicht wahr? Ich kann mich auch hinsetzen und deine Muskeln bewundern, wenn dir das lieber ist ...« Sie biss sich auf die Lippen. Zu spät. Eigentlich hätte sie das nicht sagen wollen. Das war ihr nur so herausgerutscht, doch er lachte laut auf. »Oh nein, bloß das nicht. Meine Muskeln würden sich garantiert vor deinem strengen Blick fürchten, ich hol erstmal die Gummilösung, dann sehen wir weiter.« Er verschwand kurz hinter einer schmalen Tür und kehrte bald wieder mit allem was nötig war, zurück.
Vorsorglich stellte er alles auf seinem Arbeitstisch bereit, den er sich extra für solche Arbeiten gebastelt hatte. Das erste Boot stellte er kieloben auf die beiden Holzböcke und begann damit, die Stelle zu markieren, doch sie schüttelte genervt den Kopf. »Bitte lass das, okay? Ich kann das schon.« Er seufzte. »Geduld ist nicht deine Stärke, oder?«
»Es nervt einfach, wie wenig du mir zutraust. Lass mich das machen.« Sie nahm ihm den Markierstift weg und machte sich ans Werk. Zuerst begutachtete sie die schadhafte Stelle, ehe sie das Schleifpapier ergriff und damit gekonnt die Stelle aufraute. Danach nahm sie Waschbenzin und reinigte das Teil, bevor sie geschickt die Gummilösung auftrug. Zufrieden begutachtete sie ihr Werk und blickte auf die Uhr. »So, fünfzehn Minuten werden zum Trocknen reichen, oder?« Hank nickte verblüfft. Wiedermal hatte sie ihn überrascht. »Wie lange machst du das schon?«
Die Frage erstaunte sie. Es lag nicht der geringste Spott darin. »Ähm, naja, so genau weiß ich das nicht mehr.« Er lächelte und in seinen Augen blitzte es amüsiert auf. »So lange schon?« Doch sofort war er wieder ernst. »Na komm schon. Sag mir, wie lange du schon paddelst.« Lindsay wandte sich dem Holzkanu zu, das noch immer unter der Plane verborgen lag. Vorsichtig hob sie diese hoch und betrachtete das schöne Boot darunter. »Seit ich fünf Jahre alt bin, paddle ich. Das war noch in Wisconsin. Ich fuhr alles von Kajak bis zum Tourenkanu.« Sie lächelte bei der Erinnerung. »Und natürlich fuhr ich alle Flüsse dort ab, die ich erwischte.« Hank nickte nur, das erklärte einiges.
»Ich bin sogar am Mississippi gefahren. Aber der ist nicht halb so toll wie der Turtle River oder der Menominee River. Viel zu viel Bootsverkehr. Naja, im Alter von sieben Jahren habe ich mein erstes Boot geflickt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ist genauso, wie einen kaputten Fahrradschlauch zu reparieren.«
Hank hatte sich erhoben und stand nun neben Lindsay bei seinem Holzkanu. »Ja, es ist jedenfalls so ähnlich.«
Sie ließ die Plane wieder zurückfallen und drehte sich zu Hank um. »Dann zogen wir nach San Francisco, wegen einem Job den mein Vater dort erhielt, und danach ...« Sie überlegte einen kurzen Moment lang, ehe sie gedankenverloren fortfuhr. »Es dauerte eine Weile bis ich wieder zum Paddeln kam. Dann entdeckte ich den ‚Upper South Fork Smith‘.« Sie lächelte bei dem Gedanken daran und Hank holte tief Luft. Dort musste man an vielen Stellen wirklich Kajakfahren können. Schwierigkeitsstufe IV war in vielen Teilen dieses Flussabschnittes keine Seltenheit und ziemlich schwer, wenn man bedachte, dass es eigentlich nur fünf Stufen gab. »Ja, den kenn ich auch.« Das Smith - Riversystem war das Einzige noch unverbaute Flusssystem in Kalifornien und wahre Paddler hatten dort ein wirkliches Paradies.
Sie konnte sich gut an diese Ausflüge erinnern. »Ja, dort bin ich zum ersten Mal wirklich gekentert und musste mich hochrollen.« Sie grinste bei der Erinnerung daran. Ihr Vater hatte fast einen Herzinfarkt bekommen. »Danach lernte ich Rodeotechniken und Freestyle. Mein Vater bestand darauf. Das mach ich noch immer, doch am schönsten ist es, wenn ich mit dem Kajak in den wilden Flüssen unterwegs bin oder auch mit dem Kanu auf Wanderschaft gehen kann.« Sie seufzte. »Aber mein Vater hat nicht genügend Zeit mich zu begleiten und alleine darf ich noch nicht.« Ihr Mund verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln, als sie Hank anblickte, der dicht bei ihr stand. »Noch nicht, aber bald ...« Sie wandte sich wieder dem Kanu zu, das sie reparierte. »So, das müsste jetzt erstmal reichen.« Sie kontrollierte ihre Arbeit ehe sie erneut eine leichte Gummischicht auftrug. »Jetzt fehlt nur mehr der Kielstreifen.« Hank nickte nur. Auch das würde sie wohl schaffen. So war es dann auch.
Als die Familie pünktlich kam um sich den Fluss aufwärts bringen zu lassen, war Lindsay bereits mit den beiden beschädigten Kanus fertig. Da Hank sie noch nicht alleine beim Bootsverleih lassen wollte, versperrte er alles. Sie musste mit auf das Motorboot, auf dem er das Kanu und die vier Leute unterbrachte.
Er konnte erkennen, wie sehr sie sich bemühte, sich ihre Freude darüber nicht anmerken zu lassen. Sein leichtes Kopfschütteln bemerkte niemand. Dieses Mädchen war ja versessen darauf, auf dem Wasser zu sein.
Während der Fahrt redeten die beiden Kinder Joey und Mike über nichts anderes als über diese Kanufahrt. Sie wollten irgendwo picknicken und dann am frühen Nachmittag wieder zurückkehren. Die Eltern wirkten, trotz der Regenwarnung von Hank zuversichtlich. Mr. Clemens, der Vater lächelte selbstbewusst und wies auf seine Frau. »Sie und ich, wir beide sind alte Paddler. Falls es zu dramatisch wird, bleiben wir eben irgendwo am Ufer. Ist ja nicht so schlimm. Ein bisschen Regen schadet nicht. Wir haben alle unsere Regensachen mit.« Zweifelnd blickte Lindsay zum Himmel. Nicht unbemerkt von Hank und Mrs. Clemens, die auch sofort etwas sagen musste. »Ach, Mädchen, mach dir keinen Kopf. Wir kommen zurecht. Falls es wirklich regnet, kommen wir einfach früher zurück.« Mr. Clemens schüttelte den Kopf und wies auf die Berge. »Das wird kein Problem für uns sein. Überall kann man an Land gehen. Der Wasserstand ist niedrig. Was soll schon passieren?«
Lindsay beschloss erstmal, diesen Mann unsympathisch zu finden. Falls sie sich irren sollte, würde sie ihre Meinung über ihn wieder revidieren doch im Moment ... »Also, Mr. Clemens, wenn es zu einem richtigen Wolkenbruch kommt, dann wird dieser niedrige Wasserstand gefährlich. Man sieht keine Felsen mehr und das Boot kann wo anstoßen oder kentern. Es ist nicht wendig genug um im letzten Augenblick auszuweichen. Und wenn Sie kentern, dann wird es gefährlich für ihre Familie.« Der Mann lachte laut auf. »Ist sie nicht entzückend, die Kleine?« Hank legte beschwichtigend eine Hand auf Lindsays Schulter, denn er sah das drohende Unheil kommen. »Mr. Clemens. Sie hat aber recht. Wenn es zu einem richtigen Regen kommt, bleiben Sie bitte am Ufer, wo wir sie sehen können, falls wir sie suchen müssen und lassen Sie das Wasser Wasser sein.« Der Mann verdrehte die Augen. »Junge, wie alt bist du? Ich bin fünfundvierzig und paddle immer wieder mit meinen Jungs.« Lindsay konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die beiden Kinder waren noch jung. Sie schätzte Mike auf acht Jahre und Joey auf etwa sechs. Hank wusste, was ihr durch den Kopf ging. Wenn dieser Typ erst ein paar Jahre, also geschätzte sechs Jahre paddeln war, dann war Lindsay schon wesentlich erfahrener auf dem Wasser als diese Familie. Außerdem garantiert viel besser. »Nun, ich bin neunzehn Jahre und paddle seit ich etwa vier Jahre alt bin, genauso wie dieses Mädchen hier. Sie sollten sich Ihren Rat wirklich zu Herzen nehmen.« Erstaunt sah Lindsay Hank an. War das wirklich möglich? Hatte er denen gerade gesteckt, dass sie eine erfahrende Paddlerin war? Ihr Blick traf seinen und er zwinkerte ihr zu. Mr. Clemens schnaubte verächtlich. »Ach was! Wir machen das schon.«
Lindsay wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als sie spürte, wie Hanks Griff auf ihrer Schulter sich verstärkte, also zog sie es vor, zu schweigen. »Nun, ehe wir diese Diskussion fortsetzen, rate ich einfach nur dazu, die Schwimmwesten zu tragen und an Land zu bleiben, falls es ein Unwetter gibt. Wie es in den Regeln vorgesehen ist. Sie wollen ja heil bleiben, nicht wahr? Wenn es trotz allem dennoch schön bleiben sollte, dann viel Spaß bei ihrem Ausflug.« Er klopfte dem älteren Jungen aufmunternd auf die Schulter. Mike lachte ihn an. »Oh ja, das wird sicher toll! Vielleicht sehen wir ja sogar ein paar Tiere!« Hank nickte, ja das wäre möglich, wenn sie nicht vorher vor lauter Selbstgefälligkeit in Schwierigkeiten gerieten. Aber er schwieg nur und hoffte das Beste.

**

Als Lindsay mit Hank zurückkehrte und ihre Arbeit ruhig fortsetzte, beschloss er, ihr eine Pause zu gönnen. »Komm mit. Wir gehen in den Laden auf ein Sandwich. Ich lade dich ein. Ist das okay?« Sie war einen Moment lang unentschlossen, ehe sie nickte. »Okay. Hunger hätte ich schon.« Er lachte. »Ja, das glaub ich dir.« Er wies auf die beiden reparierten Boote, die erstmal für vierundzwanzig Stunden trocknen sollten. »Gute Arbeit, Lindsay. Besser hätte ich es auch nicht gekonnt.« Sie errötete leicht bei diesem Kompliment und ihre Augen strahlten. »Oh, ein Lob vom Meister.« Sie lächelte ihn verlegen an. Er konnte also auch nett sein.
Auf einmal fand Hank, dass sie überhaupt nicht mehr wie ein Kind wirkte. »Na komm. Jenny wird sich freuen, dass jemand ihre Sandwiches isst.« Bereitwillig ließ sich Lindsay von ihm an der Hand mitziehen. Womöglich würde die Arbeit für die paar Tage nicht so schlimm werden, wie sie es sich gedacht hatte.
Nun, es sollte ganz anders kommen ...

**

Hank und Lindsay saßen entspannt im kleinen Laden von Jenny, die sich als ausgesprochen nette Frau entpuppte.
Eine Weile aßen sie in Ruhe, bis Hank sich dazu entschloss, Lindsay nach ihren Erlebnissen vom Vortag zu befragen. »Wer sind Huck und Becky?«
Lindsay blickte ihn überrumpelt an. »Wie bitte?«
Hanks graue Augen ruhten auf ihr. »Du hast gestern etwas von einem Huck und einer Becky gesagt. Du sagtest, sie hätten dich durch Silverstone geführt.« Er erkannte, wie sehr er sie mit dieser Frage überrascht hatte. »Die alte Minenstadt ist nicht ungefährlich. Ich bin froh, dass du wieder heil hier bist. Dort passieren jedes Jahr wiederholt Unfälle.« Stirnrunzelnd blickte er sie an. Die Stimmung hatte sich merklich verändert. Sie hatte sich spürbar von ihm zurückgezogen. Doch weshalb?
Lindsay war überrascht, um nicht zu sagen, geschockt.
Wieso hatte er sich das alles gemerkt? Es war ihr nicht bewusst gewesen, wie sehr er aufgepasst hatte.
Hank beobachtete aufmerksam ihr Mienenspiel. Also lag er richtig. Sie hatte jemanden in dieser Stadt gesehen.
Wiederholt fielen ihm die Geschichten ein, die sich um Silverstone rankten. Irgendetwas war seltsam an ihrem Verhalten.
Zum ersten Mal regte sich leise Sorge in ihm. Hoffentlich war Lindsay nicht auf irgendwelche zwielichten Gestalten gestoßen, die dort ihr Unwesen trieben. Er erinnerte sich daran, wie vor vier Jahren eine Schmugglerbande ihr Lager dort aufgeschlagen hatte. Gut versteckt vor den Menschen hatten sie Drogen aus Mexiko dort deponiert bis Parkranger aus den Rockys auf sie aufmerksam geworden waren. Angeblich hatten zwei Jugendliche sie durch Zufall entdeckt und einen Fischer aus den Bergen gewarnt, der dort gerastet hatte. Dieser hatte die Warnung ernst genommen und war sofort zu dem nächsten Visitorcenter gefahren und hatte Meldung gemacht. Eine leise Stimme regte sich in seinem Inneren.
Zwei Jugendliche, damals wie auch heute.
Allerdings war das vor vier Jahren gewesen. Es konnten keinesfalls mehr dieselben sein. Nein, das war unmöglich oder doch nicht?
Hastig wies er den Gedanken wieder von sich. Diese Stadt hatte ihre Geschichten, so wie jede andere Geisterstadt auch. Es war vermutlich ein Zufall. Immerhin streunten viele Leute hier in den Bergen herum. Jugendliche auf der Suche nach Abenteuer waren da keine Seltenheit. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn Lindsay so aussah, als ob sie jeden Moment die Flucht ergreifen würde. »Erzähl mir, was du dort so getrieben hast.« Lindsay konnte nicht entkommen. Sie war sich dessen bewusst. Was sollte sie ihm nur sagen? Die Wahrheit? Aber was wäre, wenn es Ausreißer waren, die einfach nur ihren Spaß haben wollten? Unsicher fuhr sie sich durchs Haar. »Na ja, wir hatten nur ein bisschen Spaß dort. Sie haben mich herumgeführt, ich hab ein Sandwich mit ihren geteilt, und zum Schluss haben sie mir dann noch eine schaurige Geschichte über Silbergier, Mord und Vergeltung erzählt. Also so eine typische Westerngeschichte eben.« Hank lauschte aufmerksam, doch er entgegnete nichts darauf. Genervt hielt sie seinen Blick stand. »Was ist? Das war einfach so eine Geschichte mit einem tragischen Ende.« Sie fühlte sich auf einmal schlecht. Das Ende dieser Story war wirklich sehr traurig gewesen.
Hank nickte ernst. »Gut, und was ist mit dem Teil, indem ein übermütiges Mädchen in einen alten, baufälligen Saloon herumklettert?«
Verärgert sah Lindsay ihn an. »Bist du die Geisterstadt-Polizei oder so was? Ich war einfach nur neugierig, doch Huck wollte sowieso nicht, dass ich da reingehe.« Frech lächelte sie ihn an. »Es war sehr interessant, auch wenn ich Billy The Kid nicht getroffen habe.«
Hank schüttelte den Kopf. »Du nimmst es nicht ernst, oder? Hundertfünfzig Jahre alte, baufällige Häuser sind kein Abenteuerspielplatz. Dir hätte dort alles mögliche zustoßen können.« Ein leiser Trotz regte sich in ihr und sie funkelte ihn wütend an. »Ist es aber nicht! Ich habe schon aufgepasst. In das Restaurant bin ich sowieso nicht gegangen. Ich mag etwas dumm sein, aber deswegen bin ich noch immer nicht grenzenlos verblödet.« Hank hob beschwichtigend die Hände. »Du bist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Aber unterschätzen solltest du so etwas nicht. Hier gibt es immer wieder Erdbeben. Die Schneestürme können dich hier zu einem Gefangenen machen, und wenn die Schneeschmelze loslegt, gibt es Überflutungen und massenhaft eingebrochene Straßen. Darum geht es. Diese Stadt wird nicht gerade besser mit den Jahren. Hast du mich jetzt verstanden?«
Lindsay, die sich wiedermal sehr bescheuert vorkam, weil sie abermals die Nerven verloren hatte, nickte. Das Funkeln in ihren Augen blieb. »Ja, Hr. Proffessor Überschlau. Das weiß ich alles.« Sie verdrehte die Augen. »Ja, das und noch vieles andere auch, ok?« Sie seufzte laut. »Es hat einfach nur Spaß gemacht. Ich habe die ganze Zeit darauf geachtet, was ich tue.« Sie verschwieg wohlweißlich, dass sie mit Becky herumgerangelt hatte, denn es würde kein gutes Licht auf das erwachsene Ich in ihr werfen. Irritiert kniff sie die Augen zusammen. Seit wann legte sie wert darauf, erwachsen zu wirken? Sie spürte seinen Blick der auf ihrem Gesicht ruhte und errötete leicht. »Verdammt noch mal!« Hastig sprang sie auf und deutete wage zu seinem Bootsverleih. Es konnte einfach nicht wahr sein! Hank gefiel ihr tatsächlich, und das obwohl er sich wie ein Klugscheißer benahm. Insgeheim war ihr natürlich bewusst, dass er recht hatte, zumindest meistens, dennoch ... sie wollte das jetzt alles nicht genauer ermitteln, nein, garantiert nicht. Zuerst sollte sie mit Tony sprechen, ob dieser wollte, oder nicht. Sie würde ihn heute anrufen. »Ich ähm geh wieder an die Arbeit ...« Und schon war sie weg.
Jenny, die soeben aus der Küche kam, stellte erstaunt zwei Teller mit Apfeltorte auf den Tisch ab und blickte ihr stirnrunzelnd hinterher. »Sie wirkt etwas nervös, die Kleine.« Ihr vorwurfsvoller Blick ruhte auf Hank, der Lindsay überrascht nachblickte. »Was hast du ihr denn gesagt, dass sie die Flucht ergreift?«
»Was ich ihr gesagt ...?« Er hob die Augenbrauen und wandte sich der blonden großen Frau zu, die ihre Hände links und rechts in ihre Hüfte gestemmt hatte und ihn abwartend musterte.
»Ich hab ihr gar nichts ...« Jetzt war es an ihm verärgert zu sein. »Jenny, ich hab ihr gerade nur erzählt, wieso die Geisterstadt so gefährlich ist, doch ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, denn sie weiß das alles ja. Trotzdem hat sie sich gestern in Silverstone so lange herumgetrieben, dass ihre Eltern, wohlgemerkt sehr lockere, nette Eltern, schon eine Suche anzetteln wollten.« Jenny lachte auf. »Oh Mann, die Stadt ist also wieder mal Schuld.« Ihre Stimme nahm einen nachsichtigen Klang an. »In dieser Stadt waren schon die eigentümlichsten Leute, Hank. Wieso sollte dann eine fünfzehnjährige nicht dort hin? Gibt ja sonst nicht so viel hier zu erleben. Sie ist ja heil wieder angekommen.« Der Klang ihrer Stimme wurde wieder nachdrücklicher. »Im Gegensatz zu einigen Erwachsenen. Nicht wahr? Erinnerst du dich an letzten Sommer, als wir dort mit den Rangern gemeinsam diese beiden Männer befreit haben, die in dem alten Restaurant durch den Boden gebrochen waren? Das, mein Freund, waren die wahren Idioten.« Hank nickte abwesend. »Ja, das stimmt. Aber irgendetwas gefällt mir hier trotzdem nicht.« Er zog es vor, sich darüber auszuschweigen, denn es war nur so ein Gefühl. Es lag an diese beiden Jugendlichen, die sie erwähnt hatte. »Pack mir den Kuchen bitte ein, ich nehme ihn mit.«
Jenny erkannte, dass er in Gedanken war und nickte, während sie in die Küche stampfte um eine Folie zu holen. Ob er bemerkte, dass er sich ernsthaft für das Mädchen zu interessieren begann? Sie glaubte es nicht. Doch sie war sich fast sicher, dass dieser Sommer interessant werden würde, denn auch diese Lindsay schien von ihm angetan zu sein. Kopfschüttelnd riss sie zwei Stück der Folie ab. Männer waren immer etwas schwer von Begriff, zumindest am Anfang.
Als sie ihm beide Kuchen eingewickelt hatte, verließ er noch immer grüblerisch, den Laden. Jenny unterließ es eine Bemerkung zu machen. Es würde sowieso alles so kommen, wie es musste. Seufzend räumte sie den Tisch ab. Es würde Hank nicht schaden, sich wieder zu verlieben, auch wenn dieses Mädchen ein paar Jahre jünger war.


Zuletzt von Acey am Sa 30 Jul 2011, 19:02 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Di 26 Jul 2011, 19:56

Teil 9

Lindsay hatte gerade damit begonnen, die Schwimmwesten zu sortieren, als Hank hinter ihr seinen Schuppen betrat.
»Du konntest es wohl kaum abwarten, weiterzuschuften.«
Er schwenkte die Papiertüte vor ihrem Gesicht hin und her. Sie konnte den feinen, fruchtig-süßen Geruch der Süßspeise riechen.
»Ach, die Nachspeise. Ich ...« Sie zögerte kurz.
»Also ich will nicht das diese beiden Ärger bekommen, weil sie sich in dieser Stadt herumtreiben. Ich denke, ihnen ist auch langweilig und sie kennen sich gut dort aus.« Sie blickte Hank unsicher an. »Naja, sie sind etwas komisch, doch ich denke, es gefällt ihnen dort. Huck hat erzählt, dass ihr Vater einen Sommerjob irgendwo in einem Holzfällercamp angenommen hat.«
Hank überlegte. Das klang einigermaßen überzeugend. Er fand es nett, wie sie versuchte, die beiden zu schützen.
»Ich verrate ja nichts. Aber diese beiden Mark Twain-Fans sollten schon achtgeben.«
Lindsay nickte. »Ich weiß. Ich weiß.« Sie sah ihn an und überlegte, ob sie noch etwas wegen der seltsamen Kleidung dieser beiden sagen sollte, doch dann entschied sie sich dagegen.
Er wusste genug für den Augenblick, dennoch war sie froh, dass sie es ihm gesagt hatte. Irgendwie hatte sie den Eindruck, ihm vertrauen zu können.
Hank hatte das unbestimmte Gefühl, das sie noch etwas sagen wollte, doch sie tat es nicht, also beließ er es dabei.
»Gut, dann werde ich den Apfelkuchen erstmal aufheben. Wir können ja nachher noch einen Kaffee trinken, wenn nichts los ist.«
Die frühen Nachmittagsstunden brachten wirklich weniger Arbeit mit sich. Hank musste feststellen, das Lindsay fleißig und ordentlich die Dinge anging.
Bis um zwei Uhr nachmittags war alles erledigt.
Es kamen noch zwei Pärchen, die sich ein kleines Kanu für eine kurze Fahrt liehen, doch sonst war es sehr ruhig.
Vermutlich hielten die Camper sich wegen dem Wetter etwas zurück.
In der Zwischenzeit hatte der Wind aufgefrischt und die Wolken hatten sich verdichtet.
Lindsay überlegte, ob sie vorschlagen sollte, die letzten Boote wieder ins Innere zu tragen, als auf einmal Sue auftauchte. Sie war gerade von einer erholsamen und ertragreichen Angeltour zurückgekehrt und hatte beschlossen, nach ihrer Schwester zu sehen.
Hank grüßte sie freundlich und Sue nickte ihm zu. Sie fragte, ob sie kurz mit Lindsay sprechen konnte. Natürlich hatte Hank nichts dagegen, und so zog Sue Lindsay kurz zu Seite.
»Was ist denn los, Sue? Gibt es Probleme mit Mom und Dad?«
Ihre jüngere Schwester schüttelte mit dem Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Wir haben sogar riesige Barsche gefangen. Du wirst staunen! Mom kümmert sich gerade darum. Also freu dich, heute gibt es gegrillten Fisch.«
Dann wurde sie wieder etwas ernster.
»Naja, eigentlich wollt ich nur sehen, was du so treibst, aber ich denke den ganzen Tag schon über dich und Tony nach.«
Lindsay schluckte und warf Hank einen Blick zu, der etwas abseits stand und sein Werkzeug zusammenräumte.
»Ich will eigentlich nicht darüber reden. Also nicht jetzt, ok?«
Sue musterte ihre Schwester besorgt. »So schlimm ist es?«
Lindsay nickte nur kurz. »Ich sag es dir schon später. Jetzt muss ich ...« Sie schluckte erneut, »wieder an die Arbeit.«
Mit diesen Worten ließ sie Sue einfach stehen und eilte rasch zurück ins Innere des Schuppens. Ihre jüngere Schwester schlenderte nachdenklich zurück zu ihrem Campingwagen.
Lindsay, die den ganzen Tag erfolgreich die Sache mit Tony verdrängt hatte, musste sich sehr zusammennehmen, um nicht in Tränen auszubrechen.
Ohne hochzuschauen, schnappte sie die Gummilösung und das Schleifpapier und trug es in den kleinen Lagerraum.
Hank blickte ihr hinterher. Er hatte ungewollt ein paar wenige Worte von ihrem Gespräch mit Sue aufgeschnappt. Er fragte sich nicht, wer dieser Tony war, doch er wusste, dass Lindsay ein paar Minuten alleine für sich brauchte.
Lindsay schob ein paar Farbdosen hin und her, sammelte Werkzeug, das herumlag zusammen und schlichtete es immer wieder um.
Sie kämpfte noch immer mit den Tränen. Es war nicht fair! Wieso war es so schwer, für den Idioten einfach nur mit ihr darüber zu reden?
Weshalb konnte er sie nicht anrufen, ihr erzählen, dass er mit Sarah zu dieser Party ging? Er musste doch wissen, dass Bridget es ihr erzählen würde!
Sie rieb sich über die Augen und blinzelte ein paar Mal. Auf keinen Fall wollte sie hier vor Hank weinen! Soweit würde sie es nicht kommen lassen.
Dieser Tony, womöglich rechnete dieser ja sogar damit, dass Bridget ihr das alles erzählte! Ja, das konnte schon sein!
Ein trockener Schluchzer entrang sich ihrer Kehle. Er war feige! Ganz einfach. Er konnte ihr nicht selbst sagen, dass er Schluss machen wollte, deshalb gab es ja Bridget. Ihre beste Freundin, die diese Drecksarbeit für ihn erledigen würde. Eigentlich hätte sie es wissen müssen. Es war so typisch für ihn.
Sie fuhr sich noch einmal über die Augen, um sicherzugehen, dass nicht die geringste Träne da war, um sie bloßzustellen.
Dann bog sie ihre Schultern zurück und streckte ihre Arme. Morgen würde sie einen Muskelkater haben, das war klar. Sie hob ihren Kopf und verließ den beengenden Raum.
Hank musterte sie behutsam. Ihre Augen waren etwas gerötet und er erkannte in ihnen ein entschlossenes Funkeln. Ohne darauf näher einzugehen, deutete er zur Tür. »Komm, hilf mir die Boote reinzubringen. Es wird bald regnen.«
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, klatschten schon die ersten schweren Tropfen auf das hölzerne Dach des Schuppens.
»Verdammt! Es geht schon los!«
In dem Moment kamen auch schon das erste Pärchen zurück. Lindsay nahm ihnen sofort das Kanu ab. »Gut, es scheint ja heftig zu werden.«
Die Frau und ihr Begleiter nickten. »Ja, wir waren aber noch nicht weit draußen. Gott sei Dank!« Sie bedanken sich und liefen rasch hinunter zum Campingplatz.
Hank beeilte sich, die Boote aus der Befestigung zu fischen und Lindsay nahm sie ihm vorsichtig ab und platzierte sie auf den Trägern im Inneren.
Da kam auch schon das zweite Pärchen. Beide hatten grellbuntes Regenzeug an und lachten über das ganze Gesicht, als sie das Kanu ablieferten. »So, jetzt werden wir wohl doch in unserem Wohnwagen das Football-Spiel ansehen.« Auch sie beeilten sich zum Campingplatz zu kommen.
Als der Regen stärker wurde und das Prasseln auf dem Holzdach fast schon ohrenbetäubend war, befanden sich alle übriggebliebenen Boote bereits wieder an ihrem gewohnten Platz. Hank lächelte das Mädchen an.
»Danke, du warst sehr schnell! Ich werde uns mal Kaffee aufsetzen. Wir haben ja noch den Apfelkuchen.«
Lindsay wollte gerade zustimmen, als ihr siedendheiß etwas einfiel. »Die Clemens - Familie ist noch da draußen!«
Hank fuhr herum und fluchte leise. »Verd ... du hast Recht! Normalerweise sollten wir jetzt ein wenig abwarten.«
Lindsay schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Fall.«
Hank war wiedermal überrascht über Lindsays Gedankengänge und nickte. »Ja, du hast Recht. So wie Mr. Clemens heute geredet hat, könnte ich mir vorstellen, dass er einfach seine Familie in Regenzeug gepackt und ins Boot verfrachtet hat.«
Erleichtert bestätigte sie es. »Ja, das dachte ich mir auch. Er war so ...« Sie überlegte, ehe sie weitersprach. »So selbstgefällig, dass er garantiert denkt, er packt das. Doch die haben ja ein großes Kanu.«
Hank nickte besorgt. »Ja, damit packt er es nicht. Ich hoffe nur, er bleibt in Ufernähe und kommt nicht auf die Idee in der Mitte zu paddeln nur, damit er schneller hier ist.«
Sie lief rasch zu den Schwimmwesten.
»Hank, wir müssen da raus und sie suchen!« Er entgegnete nichts, als sie sich hastig eine Schwimmweste rüberstülpte und die Bänder überall festzog. »Wir finden sie nur, wenn wir gleich loslegen.«
Insgeheim hoffte sie, dass die Familie so klug gewesen war, irgendwo zwischen Einstiegsstelle und Vogelparadies an Land zu gehen, doch sie hatte ein schlechtes Gefühl. Damit war sie nicht alleine, denn Hank nickte grimmig. »Du hast recht! Ich hole nur ein paar Dinge.«
Mit diesen Worten verschwand er in den kleinen Lagerraum. Kurz darauf war er wieder da, mit einem Seil, ein paar zusätzlichen Schwimmhilfen und einem metallenen, eckigen Koffer mit einem roten Kreuz darauf.
Zum zweiten Mal an diesem Tag schloss Hank den Verleih.
Bevor sie zum Boot gingen, eilte er zum Campingoffice um bescheid zu geben. Daraufhin kam der Chef, der sich als Hanks Vater rausstellte, mit zum Boot, wo er trotz des strömenden Regens am Steg zwei Scheinwerfer aufdrehte, die den Paddlern im Zweifelsfall den Weg weisen würden. Immerhin war es durch den Regen ziemlich düster geworden und niemand wusste, wer wann wieder hier auftauchen würde.
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Mi 24 Aug 2011, 14:31

Teil 10

Während Hank Lindsay mit sich zog, wandte diese sich ständig nach dem Mann um. »Das ist dein Vater?« Hank grinste. »Jep, Familienbetrieb seit 1917. Mein Urgroßvater begann hier mit einem Angler- und Freizeitpark. Tja, so ist es eben. Ich werde wohl meinen Lebtag lang immer nur Kanus und Kajaks verleihen, Boote reparieren und verrückte Touristen aus dem Fluss aufsammeln.«
Damit war Lindsay wieder voll bei der Sache. »Dieser verdammte Clemens!« Hank nickte. »Ja, ich schätze aber, dass wir sie bald finden. Hier,« er warf ihr ein gelbleuchtendes Etwas zu, »Zieh dir die Jacke unter der Schwimmweste an. Wir sollten versuchen, trocken zu bleiben.«
Bald befanden sie sich mitten auf dem Wasser in dem kleinen Motorboot.
Hank folgte seinem Gefühl und fuhr zuerst flussabwärts, während Lindsay angestrengt das Wasser und die Uferböschungen nach irgendeiner Bewegung oder nach einem Kanu absuchte. »Bist du sicher, dass sie schon da irgendwo sind?« Hank nickte. »Vor dem Vogelschutzgebiet auf der rechten Seite gibt es eine nette Anlegestelle mit einer Feuerstelle, einem Picknicktisch und einer Toilette. Sie hatten zumindest vor, dorthin zu paddeln.« Lindsay nickte, das wäre logisch, immerhin war es von dort auch nicht so weit zurück zum Campingplatz und man konnte an so einer Stelle hervorragend picknicken.
Sie passierten das Vogelschutzgebiet, während Lindsay das Ufer extra ausleuchtete. Noch war es nicht dunkel, doch der Regen trübte die Sicht sehr.
Es war auch Lindsay, die zuerst das Kanu entdeckte. Es trieb kieloben im Wasser!
»Hank, die sind geflippt!«
Hank reagierte sofort, indem er das Boot bremste.
Es war seiner versteinerten Miene nicht zu entnehmen, was er dachte, doch Lindsay konnte er nicht täuschen. »Lass uns das Ufer absuchen! Ich glaube nicht, dass sie ertrunken sind.« Jedenfalls hoffte sie das. Adrenalin pumpte durch ihre Adern, der Liebeskummer war auf einmal komplett unwichtig, denn sie dachte nur mehr an die beiden Jungs und deren waghalsigen Eltern.
Als sie eine Gestalt erkannte, die am gegenüberliegenden Ufer auf und ab hüpfte und wild mit den Armen fuchtelte, schrie sie sofort Hank zu, er solle dort anlegen.
Faszinierend, wie rasch er reagierte. Sofort manövrierte er das Boot in die Richtung und erkannte zwei Leute. Mr. Clemens und der jüngere der beiden Söhne.
»Sind Sie verletzt?« war Hanks erste Frage. »N ... Nein, wir sind okay.« Mr. Clemens schüttelte fahrig mit dem Kopf. »Wo sind die anderen, Mr. Clemens?« rief Hank als Nächstes.
Mr. Clemens bot nur mehr ein Bild des Jammers. In seinem gewaltigen, dunkelgrünen Regenponcho sah er aus wie ein überdimensionaler Marshmallow. »Mike ist ... er ist hier ... irgendwo bei uns. Sie ...« er wies flussabwärts. »Weiß nicht, als das Boot kenterte, ri ... riss der Fluss sie mit.« Er stotterte vor Angst und Nervosität. Sein Gesicht wirkte geisterhaft blass im Grau des wolkenverhangenen Regentages. Vereinzelte rote Flecken bildeten wirre Muster auf seinem Gesicht und er sah auf einmal gar nicht mehr aus wie der selbstbewusste Superpaddler von heute früh.
Hank hob die Hände beschwichtigend. »Okay, okay, Mr. Clemens. Wann ist es passiert?«
Die Verzweiflung stand dem Mann ins Gesicht geschrieben. »Weiß nicht genau, ich ... oh Gott, helfen ... helfen Sie ... uns bitte!« Lindsay hatte genug. Sie herrschte ihn schroff an. »Ja, tun wir! Die Zeit, Mr. Clemens! Minuten, Stunden? Konzentrieren Sie sich, verdammt noch mal!« Sein jüngerer Sohn schluchzte leise vor sich hin. Doch Lindsay kannte kein Erbarmen. Ihr Tonfall schien zu wirken. »Vor zehn Minuten, oder so.« erklang es leise aus dem Hintergrund. Es war Mike, der ältere der beiden Söhne. Lindsay schluckte, also fehlte nur Mrs. Clemens. Sie lächelte dem Jungen aufmunternd zu. »Sehr gut, Mike. Du hast aber gut aufgepasst! Danke. Wir holen deine Mama schon! Bleib hier und pass auf deinen kleinen Bruder auf. Ich glaube, er hat auch Angst.« Als sie das zögerliche Nicken von dem Jungen sah, atmete sie ein wenig auf.
»Hank, komm. Wir müssen noch ein Stück flussabwärts fahren!«
Er nickte nur und warf den drei Menschen am Ufer einen Stoß Decken zu. »Hier, hängen Sie sich die um. Und bleiben Sie hier! Wir kommen bald wieder.«
Er wartete keine weitere Reaktion von ihnen ab, sondern lenkte das Boot wieder vom Ufer weg.

Beide starrten unnachgiebig auf die Wasserfläche. Einen Menschen in einem fließenden Gewässer zu finden, war immer ein Problem.
Die Strömung hatte zugelegt und der Wasserstand wirkte bereits leicht erhöht. Entsetzt dachte Lindsay an die Stromschnellen, die jetzt womöglich an Intensität zugelegt hatten. »Wie tief ist er, der Fluss?« Hank überlegte nur einen Augenblick lang. »Hier nach dem Vogelschutzgebiet nicht so schlimm. So etwa zwei Meter, schätze ich!«
Lindsay zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Das macht gefühlte drei Meter bei den Stromschnellen, nicht wahr?«
Ein Nicken war die einzige Antwort darauf. Gut, dachte Lindsay bei sich, gut ...
Wenn die Frau Glück hatte, zerschellte sie nicht an irgendwelchen Felskanten.
Sie verdrängte all die schlimmen Bilder, die ihr Hirn heraufbeschwören wollte, und starrte unnachgiebig auf die tosende Wasserfläche des sonst eher harmlosen Flusses.
Diesmal war es Hank, der als Erster etwas erkannte. Er gab zuerst vermehrt Gas, damit das Motorboot weiter flussabwärts kam, als die Gestalt die er im Wasser ausgemacht hatte. Danach bremste er das Boot und stoppte den Motor, damit niemand sich verletzen könnte. Er hatte das Boot geschickt in Ufernähe manövriert. Dort war die Strömung erfahrungsgemäß leichter. »Hierher, Lindsay! Bring einen Wurfsack her!«
Das Mädchen flog buchstäblich zu der Kiste mit den Utensilien und griff nach einem der grellgefärbten Wurfsäcke. Sie warf ihn Hank zu, der sofort handelte. Mit einem gezielten Wurf schaffte er es, die Gestalt im Wasser zu erreichen, ehe sie noch am Boot vorbeidriften konnte. »Festhalten!« Obwohl es nicht sicher war, das der Ruf durch die tosenden Wassermassen gehört wurde, erkannte Lindsay erleichtert, dass Hank perfekt geworfen hatte.
Es war natürlich auch ein Glück, dass die eine Person den Wurfsack sofort erwischte und sich daran festhielt.
Oder war es einfach dem perfekten Timing von Hank zu verdanken?
Die Leine hatte eine Länge von etwa fünfundzwanzig Metern, und Hank hielt das Ende fest. Eine wichtige Regel: Wenn du dein Opfer hast, nicht mehr verlieren. Vorsichtig begann er damit, die Gestalt in die Nähe des Bootes zu ziehen. Er wusste selbst, es würde zu hoch sein, damit er sie hier hochziehen konnte, doch sie war näher am Ufer, was es leichter machen würde, sie an Land zu bringen.
Rasch begann Lindsay, sich ihrer Oberbekleidung zu entledigen. Die Regenjacke, ihre Bermudas und ihr Shirt, ehe sie wiederholt in die Schwimmweste schlüpfte. Hank erstarrte. »Nein, Lindsay! Zu gefährlich!«
Doch Lindsay lächelte nur grimmig, ehe sie sich eine der leuchtend gelben Schwimmbojen schnappte und rasch in den dazugehörigen Gurt schlüpfte. »Ich weiß, was ich tue, Hank!« Sie gab ihm keine Möglichkeit zu reagieren. Nur mehr mit dem Badeanzug bekleidet und mit den Füßen voraus sprang sie vom hinteren Teil des Bootes ins Wasser.
»LINDSAY!« Hank brüllte verzweifelt ihren Namen. War sie denn komplett verrückt geworden? Wusste sie überhaupt, auf was sie sich da einließ?
Ja, sie wusste es, zumindest ungefähr.
Lindsay tauchte in das wildschäumende Wasser ein. Es war ganz wie sie vermutet hatte. Relativ kalt und ziemlich viel.
Sofort spürte sie, wie stark die Strömung inzwischen war. Die Kälte des Wassers wirkte im ersten Moment eisig, doch das Gefühl verging sofort wieder, als der Fluss sie einfach mit sich riss.
Ihre Füße berührten den kiesigen Grund, der mit einzelnen größeren Steinen versehen war, ehe sie spürte, wie ihre Schwimmweste und die Boje sie hochdrückten. Schon stieß sie mit ihrem Kopf durch die Wasseroberfläche. Keinen Moment zu früh!
Die Strömung hatte zwar zugelegt, dennoch hatte sie es richtig eingeschätzt. Ihr Blick, nur leicht von Wasser getrübt, erfasste sofort den Wurfsack, der in einem grellen Orange so hell leuchtete, dass er für jedermann gut sichtbar war. Sie trieb rasch darauf zu und griff automatisch danach. Jetzt erkannte sie auch Mrs. Clemens, die sich mit Müh und Not anklammerte.
Lindsay hatte keine Zeit für sorgfältige Rettungsmaßnahmen. Sie wusste nur, hier und jetzt musste sie dieser Frau helfen, deren Griff sich jeden Moment vom Wurfsack lösen würde.
Rasch schob sie die Boje, die sie mitführte, zwischen sich und der Frau, die erst jetzt registrierte, dass noch jemand hier war. Keinen Moment zu früh. Diese griff sofort in ihrer Panik danach und ließ den Wurfsack los. In dem Augenblick erkannte Lindsay erleichtert, das die Frau sich wirklich fest an die Boje geklammert hatte. Ja, so würde es funktionieren.
Lindsay lokalisierte, wie blass die Frau war und wie dunkel ihre Lippen waren. Sicher schon eine Unterkühlung. Sie musste unverzüglich handeln! Konnte sie es schaffen?
Ja, es musste ihr einfach gelingen!
Die Strömung hatte zwar an Stärke zugenommen, doch noch wäre es zu bewältigen.
Zumindest konnte sie es versuchen. Die Nähe zum Ufer kam ihr dabei sehr gelegen.
Das Wasser des Flusses tobte und sie nahm wahr, wie stark die Strömung an ihr zerrte. Jetzt machte sich das Adrenalin wieder bezahlt, denn sie musste handeln. Konnte sie es riskieren? Sie entschied sich dafür.
Mit einem gewaltigen Krafteinsatz tauchte sie ins Wasser. Sie erkannte die strampelnden Beine der Frau und stieß direkt hinter ihr durch die Oberfläche. Rasch hatte sie ihre Arme unter den Achseln der Frau geschoben und die Boje umfasst. Ja, so musste es gehen. Alles, was sie seinerzeit über das Bergen eines Opfers gelernt hatte, fiel ihr wieder ein.
Sie machte sich die Strömung zunutze und ließ sich einen Moment mit den Füßen voraus flussabwärts treiben, ehe sie kraftvoll ihre Beine bewegte, um dagegen zu arbeiten. So hatte sie zumindest die Chance etwaigen Hindernissen auszuweichen.
Natürlich war sie immer schon eine gute Schwimmerin gewesen. Auch war sie sich durchaus der Situation bewusst, in der sie sich soeben befand.
Noch war der Wasserpegel nicht hoch genug. Noch konnte sie sich der immer stärker werdenden Strömung widersetzen! Sie wusste es genau!
Wieder ein paar kräftige Schwimmstöße mit den Beinen.
Sie achtete darauf, den richtigen Schwung zu bekommen um das rechte Ufer zu erreichen. Es war so nahe!
Die Frau in ihrem Griff bewegte sich kaum, doch sie wehrte sich zumindest auch nicht. Erleichtert darüber verstärkte Lindsay ihre Schwimmbewegungen.
Die Anstrengung machte sich bereits bemerkbar. Die Kälte des Wassers tat ihr übriges, denn sie spürte schon die leichte Betäubung ihrer Muskeln.
Egal, es nutzte nichts. Sie musste durchhalten! Solange sie keinen Krampf bekam, würde es klappen.
Ihre Reserven mobilisierend, trat sie kraftvoll ins Wasser. Einmal, zweimal. Sie musste nur schräg aus der Strömung schwimmen, dann würde sie es schaffen ... schon nahm sie die Kälte nicht mehr wahr, sondern konzentrierte sich nur mehr auf das Ufer, das immer näher und näher kam. Sie hatte es gut gemacht.
Verbissen kämpfte sie weiter, bis die Strömung sie freigab und sie endlich den Kies unter ihrem Körper spüren konnte.
Sie wusste nicht, wie weit sie abgetrieben war, doch es war auch egal. Sie waren am Ziel!
Die Frau in ihren Armen regte sich endlich wieder und half mit, an das Ufer zu gelangen.
Lindsay bemerkte, dass es hier nicht ganz so seicht war, wie bei der Geisterstadt, doch die leicht ansteigende, mit vereinzeltem Felsgestein durchzogene Böschung bot genügend Halt für sie beide.
Endlich, es kam Lindsay vor wie Stunden, sank sie erschöpft auf den harten, nassen Boden und schloss die Augen. Gott sei Dank hatten sie es geschafft.
Keuchend versuchte sie, zu Atem zu kommen und schloss für einen Moment die Augen.
Das nächste, was sie wahrnahm, waren die Arme, die ihren Oberkörper stützten. »Lindsay, hörst du mich?«
Die Stimme klang eindringlich. Schon nahm sie unscharf ein Gesicht wahr, dass sich über ihres beugte. Graue Augen. Ja, sie kannte ihn.
»Oh, Hank, ist sie ... geht es Mrs. Clemens gut?«
Vorsichtig versuchte sie sich aufzurichten, doch sie wurde behutsam zurückgedrückt. »Langsam. Ja, es geht ihr gut. Sie trinkt gerade warmen Tee.«
Wiederholt bemühte sie sich, sich aufzusetzen. »Hilf mir, Hank. Ich schaff das schon! Nur etwas ... erschöpft.«
Hank nickte. »Ja, das kann ich mir vorstellen.« Seine Stimme klang beherrscht.
»Wo ist Mrs. Clemens?« Lindsays Gedanken drehten sich noch immer um die Frau.
»Es geht ihr gut. Sie hatte Glück.«
Stirnrunzelnd betrachtete er ihr blasses Gesicht. Sie musste am Ende ihrer Kräfte sein, wenn sie sich wiederholte. Wieder wollte sie sich aufrichten. »Komm, wir müssen sie ins Warme bringen. Ich schaffe das schon.«
Sie versuchte ein kleines Lächeln um ihm zu zeigen, dass es ihr gut ging.
Ein undefinierbarer Ausdruck lag in seinen Augen, als er sie ansah. »Komm, ich helfe dir. Du musst auch schleunigst ins Warme.«
Ihre Haut war ebenfalls fahl und sie zitterte bereits. »Ja, i ... ich weiß schon. So ... kalt.«
Vorsichtig und ungelenk bewegte sie sich auf das Boot zu. Egal, sie fror nur. Aber Mrs. Clemens war weit mehr unterkühlt als sie.
Hätte Hank Lindsay nicht gestützt, wäre sie vermutlich gestürzt, denn die Beine drohten unter ihr nachzugeben und sie fühlte, wie auslaugt sie auf einmal war. Sie wusste, es war der Kraftakt im Wasser, und inzwischen ließ das Adrenalin schon wieder nach, das sie bisher auf den Beinen gehalten hatte.
Rasch schlug Hank eine Decke um ihren zitternden Körper.
Sie hätte ertrinken können, dieser Gedanke beherrschte ihn die ganze Zeit. Ihre wahnwitzige Rettungsaktion hätte sie in Schwierigkeiten bringen können!
Während sie sich fest in die Decke einhüllte, schenkte Hank ihr einen Becher mit Tee voll. »Trink das! Du musst dich auch aufwärmen.«
Sie nahm ihm den Becher ab und nippte gehorsam daran. Ihre Gedanken waren träge, ihre Beine zu schwer. Der ganze Körper begann zu schmerzen. Stöhnend ließ sie sich auf die Bank neben Mrs. Clemens fallen und schloss die Augen.
Alles würde wieder gut werden. Die Familie war in Sicherheit ...

Alles, was sich danach abspielte, lief nur mehr wie ein Film vor ihren Augen ab.
Hank redete beschwichtigend auf Mrs. Clemens ein. Er kontrollierte ihren Puls, gab über Funk etwas durch, ehe er die beiden Kids und ihren Vater an Bord nahm.
Alle waren sie durchnässt, erschöpft und in einem psychischen Ausnahmezustand. Weswegen dachte sie so seltsam? Sie war sicher auch in dieser Verfassung.
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie blinzelte träge. Alles erschien so unwirklich. Der Regen, der auf die Plane klatschte, unter der sie saß, Mr. Clemens in seinem seltsamen Regenponcho.
Sie musste grinsen. Er sah wirklich nicht mehr so aus wie in der Früh.
Alle Selbstsicherheit war von ihm abgefallen und er zitterte wie Espenlaub. Wieder so ein merkwürdiger Gedanke. Egal, sie wusste ja, weswegen.
Ob sie auch bald so reagieren würde? Wie lange hielt dieser komische Zustand wohl an, in dem sie sich gerade befand?
Das nächste, was sie wieder bewusst wahrnahm, waren die Menschen, die zum Ufer eilten.
Zuerst die Sanitäter in ihren Uniformen, wie sie Mrs. Clemens auf eine Trage schnallten und sie in einen Wagen verfrachteten.
Die arme Mrs. Clemens. Sie war zu stark unterkühlt, hatte sich irgendwo am Bein verletzt.
Dann registrierte sie die Kinder und Mr. Clemens die in ein weiteres Auto stiegen und davonfuhren.
Danach das freundliche Gesicht eines Arztes, ihre Mutter an ihrer Seite, die ihr durch die nassen Haare strich. Die kurze Untersuchung, Puls, Sauerstoffsättigung, und was noch so alles anstand.
Sie griff lethargisch nach dem Becher, den ihr ein Sanitäter reichte.
Musste sie ins Krankenhaus? Ihre Mutter war schwer dafür.
Nein! Leichter Trotz regte sich in ihr.
Nein, sie wollte nicht! Wozu auch? Sie war weder verletzt noch besonders stark unterkühlt.
Der Arzt bestätigte, dass sie nur Ruhe brauchte und sich aufwärmen musste ... Blabla ... sie driftete wieder weg. Blendete die gesamte Geräuschkulisse um sie herum aus.
Eigentlich wollte sie nur mehr schlafen, so müde war sie jetzt.
Erst als sie in mehrere Decken gewickelt auf dem bunten Sofa im Campingwagen saß und Rindsuppe mit Unmengen an Fleisch vertilgt hatte, löste sich die Anspannung der letzten Stunden und sie begann zu zittern.
Diesmal war es nicht die Kälte, sondern die Gewissheit, das sie heute an ihre Grenzen gegangen war.


Anm. Kanu-Sprache: geflippt = gekentert
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Fr 30 Sep 2011, 21:42

Teil 11

Lindsay hatte sich bis am Abend gut erholt. Zwar drehten sich ihre Gedanken noch immer um die Rettungsaktion, doch sie war erleichtert, fast glücklich darüber, dass sie ins Wasser gesprungen war.
Als Sue zu ihr stieß, war sie bereits dazu imstande, von Tony zu erzählen. Es war heute so viel passiert, dass es Lindsay für den Augenblick nicht so wichtig erschien.
Nachdem Sue sie verlassen hatte, griff sie kurzentschlossen zum Telefon und wählte seine Nummer. Niemand hob ab.
Das hätte sie sich denken können. Er war einfach ein Feigling.
Danach rief sie bei Bridget an, die sich schnell meldete. Lindsay musste nicht nachfragen, denn ihre Freundin begann von alleine zu erzählen, wenn auch mit gedämpfter Stimme. »Ich bin mit Luke hier. Stell dir vor, er hat mich heute gefragt, ob ich mit ihm dorthin gehe.«
Lindsay lächelte besonnen vor sich hin, als sie an das hübsche Gesicht ihrer besten Freundin dachte, wie sie da saß, mit roten Wangen und einem Funkeln in ihren Augen. »Das ist doch toll. Darauf hast du doch in den letzten Monaten hingearbeitet.«
Bridget lachte leise ins Telefon. »Oh ja, schon, doch am letzten Tag, na ja, einfach war es nicht, kann ich dir sagen. Er ist so ... so unnahbar.«
Lindsay versuchte sich ihre Freundin vorzustellen, wie sie mit Luke Hand in Hand durch die Gegend schlenderte. Sein leicht verträumter Gesichtsausdruck und seine dunklen Augen, die immer etwas ernst blickten. Er war einer der Stillen, einer von denen die zuhören konnten, ohne auf Durchzug zu schalten und nur so zu tun als ob ...
Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, ehe sie einen munteren Tonfall anschlug.
»Na dann genieß es einfach. Du kannst es mir ja morgen berichten, wenn du willst.« Sie fühlte sich auf einmal weit weg, viel weiter weg, als nur die Meilen die zwischen San Francisco und Colorado lagen.
Partys, Jungs, Flirts ... eine komplett andere Welt.
Scheinbar erkannte Bridget etwas in ihrer Stimme, denn auf einmal erschien ihr Tonfall ernster. »Was ist los, Lindy?«
Lindsay atmete tief durch. »Ach, ich hatte nur einen harten Tag. Wir hatten Regen hier und ich bin mit Hank hinaus auf den Fluss um eine Vermisste rauszufischen.«
Welche Rolle sie dabei gespielt hatte, ließ sie unerwähnt. Es war nicht wichtig, nicht für Bridget, die noch niemals etwas für Lindsays Hobby übrig gehabt hatte.
Zu spät erkannte sie ihren Fehler, doch ihre Freundin hatte aufgepasst. »Hank? Wer ist denn Hank?«
Lag da etwa Neugierde in ihrer Stimme?
Lindsay beschloss, ehrlich zu sein. Wieso auch nicht? Ihre Freundin war weit weg und würde nur ein paar Sekunden darüber nachdenken, ehe sie sich weiterhin der Party und ihrem Luke widmen würde.
»Hank ist der Betreiber im Bootsverleih. Ich musste ihm heute helfen, und auch morgen noch, weil ich gestern zu lange alleine mit einem Kanu unterwegs war.«
Sie nahm das tiefe Seufzen ihrer Freundin wahr. »Oh Mann. Du warst alleine paddeln. Strafarbeit also. Mein Gott, Lindy, du weißt doch, wie schnell du da die Zeit vergisst!«
»Ja, schon richtig. Doch ich war in einer Geisterstadt, deswegen hab ich vergessen auf die Zeit zu achten. Es ist nicht so schlimm. Hank ist ein netter Typ, außerdem kennt er sich gut mit diesen Wassersportarten aus. Du weißt schon: Kanufahren, Kajak und so weiter.«
»Aha, also in deinem Fachgebiet. Sehr fein. Wenigstens etwas.«
Sie sagte nichts Näheres über Hank, keine Anspielungen, keine dummen Bemerkungen. Doch sie schien zu grübeln, denn es dauerte eine Weile, bis sie weitersprach.
»Hm, Tony ist mit Sarah hier, wie ich dir gesagt habe. Tut mir leid, doch ich will mir das nicht bis morgen aufheben. Sonst muss ich den ganzen Abend nur daran denken, was für ein mieser ...«
Lindsay unterbrach sie. Sie spürte wieder den verdrängten Schmerz, obwohl es schlimmer hätte sein können. »Oh, keine Sorge, Bridge, genieße einfach den Abend mit Luke. Du hast es verdient. Wir reden morgen weiter.«
Sie wechselten noch ein paar belanglose Worte, ehe sie sich verabschiedeten. Cool, unbeeindruckt. Ganz so als ob es kein Disaster war, dass Tony mit Sarah herumlief, aber das war es.
Lindsay schluckte abermals. Der Schmerz verstärkte sich. Heute war es soweit. Sie spürte, wie all ihre verdrängten Gefühle hochkamen.
Hastig warf sie sich ihre Regenjacke über und verließ das Wohnwagen.
Ihre Eltern saßen unter dem Vordach in warmen Sweatern verpackt und unterhielten sich, als sie hinauskam und Sue hatte sich im Wohnraum des riesigen Gefährts den kleinen Fernseher aufgedreht und sah sich scheinbar einen spannenden Film an.
Die Luft roch frisch nach dem Regen und sie atmete tief ein. Der Wind kühlte ihr Gesicht und half ihr, die Tränen noch eine Weile zurückzuhalten.
Es war kälter geworden, doch der Regen hatte nachgelassen. »Ich gehe noch eine kleine Runde spazieren.«
Ihr Vater musterte sie besorgt. »Geht es dir schon wieder besser?«
Sie nickte. »Ja, mir ist schon wieder warm.«
Ihre Mutter lächelte sie an. »Du hast heute eine Frau gerettet. Das hast du gut gemacht, Lindsay. Es wäre kein Wunder, wenn du noch ein bisschen durcheinander bist, also geh nicht zu weit weg, Liebes.«
Nur nicht nachgeben, nicht traurig sein, nicht hier, vor den Augen ihrer Eltern. Die Sorge in ihren Augen war auch so schon schwer zu ertragen.
Sie schluckte abermals und nickte tapfer. »Ja, ich habe einiges zum Nachdenken, aber ein wenig frische Luft kann nicht schaden. Ich geh nur ein bisschen herum.«
Keiner hatte einen Einwand, doch beide machten sich Gedanken um sie. Sie konnte es in ihren Augen erkennen.
Wenn sie jetzt anfing zu weinen, würden sich beide besorgt auf sie stürzen.
Ihr Vater würde über Tony schimpfen, ihre Mutter würde sie trösten, etwas davon murmeln, dass es irgendwann besser werden würde.
Nein, das konnte, wollte sie jetzt nicht über sich ergehen lassen, also schritt sie rasch aus, bis sie den Lichtkreis des Platzes verlassen hatte.
Ungestört schlich sie weiter durch das nasse Gras Richtung Fluss, während die Tränen sich endlich einen Weg bahnen konnten.
Sie ließ sich auf eine der Bänke fallen, die direkt am Flussufer unter einem hölzernen Vordach standen, und senkte den Kopf in ihre Hände.
Tony, ihre erste große Liebe hatte sie abserviert. Ohne Wenn und Aber. Ohne eine nähere Erklärung.
Insgeheim war ihr bewusst, dass sie wohl niemals eine wirkliche Erklärung bekommen würde. Nicht von ihm, dazu war er zu feige.
Es war wirklich schön gewesen. Die ersten Nächte, in denen sie sich nähergekommen waren, mal hier mal da ein Kuss, ein paar Berührungen und dann schließlich, irgendwann nach ewigen Zeiten des Beisammenseins, bei einer schönen Frühlingsfeier war es dann soweit gewesen.
Es war einfach perfekt geworden! Das Poolhaus ihrer Freundin Julie war so gemütlich gewesen und man konnte an einer Stelle die Sterne durch das gläserne Dach erkennen. Traumhaft für das erste Mal. Keiner störte sie.
Die einzige Aufsichtsperson war Julies Onkel Frank gewesen, und dieser passte hauptsächlich darauf auf, dass die Party in Abwesenheit seiner Schwester nicht ausartete, ließ den Jungen aber ihren Spaß.
Ja, diese Party, dieser Abend, waren absolut perfekt gewesen. Alles rundherum hatte gepasst.
Sie hatten in dieser besagten Nacht zum ersten Mal miteinander geschlafen.
Es war ganz einfach gewesen, als es soweit war und es war tatsächlich perfekt geworden. Die Stimmung, die zärtliche Annäherung, das vorsichtige Ertasten ...
Damals hatte sie gedacht, dass es nicht besser sein konnte. Damals war vor genau vier Monaten gewesen.
Lindsay ließ ihren Tränen freien Lauf. Wieso tat es jetzt so weh? Jetzt auf einmal? Sie war doch so beherrscht gewesen, hatte so sorgfältig aufgepasst, dass es sie nicht berühren konnte.
Was war passiert, dass sich auf einmal alles so schlimm anfühlte?
Alles nur eine Lüge, schoss ihr durch den Kopf. Man konnte soetwas nicht verdrängen.
Hunderte, Millionen von Gedanken beherrschten einen. Wieso konnte er so etwas tun? Warum meldete er sich nicht, vermisste sie nicht? Was hatte sie getan?
Und noch so viel mehr, was sie wissen wollte. So viele Fragen, so viele Gefühle. Es nutzte nur nichts, denn der Schmerz war trotzdem derselbe.
Die Welt hatte in strahlenderen Farben geleuchtet, die Sonne schien stärker, wärmer als zuvor, und sie hätte jeden Tag jubeln können. Einfach nur, weil das Leben so schön war.
Lautlose Schluchzer entrangen sich ihrer Kehle und sie ließ ihrem Schmerz freien Lauf.
Gemeinsam hatten sie ihre Gefühle, die Lust aufeinander entdeckt, und jetzt ...
Jetzt saß sie alleine hier irgendwo in Colorado und musste mit diesem Schmerz fertig werden. Sie senkte den Kopf und weinte lautlos vor sich hin.

Wie viel Zeit vergangen war, konnte sie nicht sagen, doch auf einmal spürte sie die Anwesenheit von einer weiteren Person.
»Hier, ich habe dir eine Decke gebracht.«
Sie hob ihren Kopf und starrte in die grauen Augen von Hank, der mit einer dicken Wolldecke in den Händen vor ihr stand.
Rasch wischte sie sich über die Augen. Sie war so blind vor Schmerz gewesen, dass sie sein Kommen nicht bemerkt hatte. Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, ich ... ich bin ...« Ihre Stimme versagte ihr und die Tränen kamen erneut.
Hank legte ihr behutsam die Decke um die Schultern. »Du bist unglücklich.«
Sie hasste solche Situationen. Ihre Schwäche, ihren Schmerz, der sie so unachtsam gegenüber ihrer Umgebung machte. Oh, wie sehr sie es hasste! Sie wandte den Kopf ab, er sollte sie so nicht sehen ...
Doch Hank ließ sich von ihrer Abwehrhaltung nicht beeindrucken, sondern zog sie behutsam an sich. »Hey, es ist okay, traurig zu sein.«
Es war zuviel gewesen. Sie konnte einfach nicht mehr.
Tränenüberströmt gab sie nach und lehnte sich an seine Brust, während Hank sie tröstete.
»Es wird besser, nicht sofort, aber du wirst schon sehen. Es wird besser.«
Er schloss die Augen und dachte bei sich, was für ein Idiot wohl einem solchen Mädchen Liebeskummer bereiten konnte, doch er erwähnte mit keinem Wort, dass er ahnte, worum es hier ging.
Der kurze Wortwechsel, den sie heute mit Sue gehabt hatte, hatte mehr verraten, als er wissen wollte. Es ging ihn nichts an. Dennoch ... er wusste um ihren Schmerz. Hatte er es doch selbst schon erlebt. Er strich ihr leicht über die feuchten Haare.
Melanie und er waren auch irgendwann glücklich gewesen, doch das war lange vorbei.
Er hatte endlich damit abschließen können, dennoch konnte er sich genau an seinen Schmerz erinnern, an die Zeit danach, als er zu nichts mehr Lust gehabt hatte, bis er sich endgültig dafür entschieden hatte, hier zu bleiben. Es war ein schöner Ort um Wunden heilen zu lassen und es war seine Heimat.
Er spürte wie sich Lindsay langsam beruhigte, doch er ließ sie nicht los. Noch nicht ...

Als sie nach einer Weile von ihm zurück zum Wohnwagen begleitet wurde, fühlte sie sich irgendwie leer. Leer aber auch besser, ruhiger.
Gut, das ihre Eltern bereits im Inneren waren und ihre roten Augen nicht sehen würden.
Sie freute sich schon auf ihre Kabine. Auf ihr weiches Bett, Darauf, den Tag für sich alleine endlich abschließen zu können.
Sie verabschiedete sich dankbar von Hank, der erst ging, als sie sich bereits im Inneren des Wohnwagens befand.
Alles Weitere würde sich ergeben, doch für sie war diese Beziehung mit Tony bereits abgeschlossen. Der Schmerz würde wohl noch eine Weile anhalten, doch sie konnte bereits fühlen, dass sie damit zurechtkommen würde. Jeden Tag ein bisschen mehr.
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Mi 26 Okt 2011, 11:38

Teil 12

Der Regen hatte über Nacht aufgehört und die Luft roch frisch am nächsten Morgen.
Dieser Tag würde sicher wieder warm werden, doch fürs Erste zog sich Lindsay rasch ihren Kapuzensweater über, bevor sie zum Bootsverleih ging.
Heute würde der Tag wohl ruhig werden.
Hank war bereits da als sie kam. »Hey, alles okay soweit?«
Sein besorgter Blick ruhte einen kurzen Augenblick auf ihrem Gesicht. Sie nickte zaghaft. »Ja, es ist ... besser.«
Etwas verlegen hob sie das erste Kanu vom Träger. »Ähm, danke wegen gestern.«
Sein Lächeln wärmte ihre Seele. »Hm, kein Problem.«
Gemeinsam bereiteten sie im schweigenden Einvernehmen alles vor.
Heute würde es entspannt werden, immerhin war gestern allerhand los gewesen und die Leute würden vorsichtig sein.
Der Wasserstand hatte sich natürlich nach dem Regen erhöht, was wohl zusätzlich ein Grund war, dass die Camper sich zurückhielten.
Seufzend betrachtete sie das tosende Wasser des Flusses.
»Die Strömung wäre geeignet für ...«
Etwas verwirrt hob sie den Blick. Sie hatte Hank nicht kommen hören. »Für was?«
Mit einer Kopfbewegung deutete er zum Fluss. »Für eine Kajaktour.«
Er tat erstaunt, als er eine Augenbraue hob. »War das nicht dein Gedanke?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte dein Seufzer hätte damit zu tun gehabt.«
Jetzt musste auch sie lachen. »Ach was, sind wir jetzt schon Gedankenleser oder war es einfach nur ein Schuss ins Blaue?«
Es fiel ihr mit jeder Minute, die sie mit ihm verbrachte, leichter, ihn aufzuziehen.
Er drehte den Kopf und musterte die wenigen Kajaks, die an einer Seite der Wand bereitstanden. »Natürlich bin ich jetzt ein Gedankenleser. Schüsse ins Blaue gibt es bei mir nicht, Kleine
Sie fuhr herum und hätte beinahe zu einer Erwiderung angesetzt, doch dann erkannte sie, dass er sie genauso aufzog, wie sie ihn.
»Ich dachte, wir hätten das mit der ‚Kleinen‘ endgültig vom Tisch, Machoman.« Das freche Grinsen in ihrem Gesicht gefiel ihm, denn es gab ihm das Gefühl, das es ihr besser ging.
Er hob mit einem raschen Griff ein Wildwasserkajak aus der Befestigung und reichte es ihr hin. Es war ein kleiner Kajak mit einer Länge von etwa 4 Metern und einem Gewicht von 16 Kilogramm.
Sie nahm es erstaunt entgegen und stellte es erstmal hin. Hanks Gesichtsausdruck war wieder ernster.
»Hier, mach einen kleinen Ausflug. Schwimmweste ist drin. Heute gibt es hier nichts zu tun, jedenfalls nichts, was ich nicht alleine schaffe.«
Er hatte einfach das Gefühl, dass sie etwas Abstand gut gebrauchen konnte.
Sie blickte ihn misstrauisch an. »Wieso darf ich auf einmal paddeln gehen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Nun, wie schon gesagt. Heute ist nichts los.«
Sie starrte ihn noch immer unverwandt an. »Ach ja? Ich dachte, ich habe noch meinen Strafarbeitstag.«
Hank stöhnte auf. »Mann bist du kompliziert. Fahr schon los, bevor ich es mir wieder anders überlege!«
Sie grinste breit und schnappte sich das wendige Ding. »Ich bin schon weg.«
»Eines noch ...«
Lindsay verdrehte die Augen und seufzte erneut. »Dachte ich mir doch, dass es einen Haken gibt.« Es wäre ja auch zu einfach gewesen.
Sie drehte sich zu Hank um, dessen eindringlicher Blick sie nervös machte. »Was ist? Ich kenne die Kajak-Regeln.«
Hastig griff sie nach einem Helm der in etwa ihre Größe hatte. Fast hätte sie darauf vergessen.
Gut, dass sie wenigstens heute ihren Badeanzug unter der Short und dem Shirt anhatte. Besser als gar keine geeignete Kleidung.
Hank musterte sie prüfend. »Das weiß ich, das wollte ich auch gar nicht sagen.«
Er trat nahe an sie heran und seine grauen Augen bohrten sich in ihre. »Du hättest gestern ertrinken können, ist dir das klar?«
Lindsay spürte den Knoten in ihrem Magen. »Ja, ich weiß. Es war ... dumm und nicht besonders gut durchdacht.«
Der Ernst der Lage, in die sie gestern geraten war, war ihr deutlich bewusst.
Hank nickte und schluckte kaum merklich. »Ja, es war vor allem nicht durchdacht. Mach so etwas nie wieder. Du hast mich zu Tode erschreckt.«
Ihr Herz machte einen kleinen Sprung beim Tonfall seiner Stimme. »Ich, ähm, sie hätte es vermutlich nicht ohne mich geschafft.« Betreten blickte sie auf den Boden.
»Vermutlich nicht, aber auch wenn es nicht einfach ist, die erste Regel ist noch immer die wichtigste. Der Eigenschutz eines Helfers hat Vorrang vor dem Schutz des Verunglückten.«
Ja, das wusste sie natürlich. »Ich ... ich weiß es, Hank. Ich ... ich werde beim nächsten Mal darauf achten.«
Dann schnappte sie sich ein Paddel und eilte rasch davon.
Sprachlos starrte er ihr hinterher. Beim nächsten Mal, hatte sie gesagt! War das zu glauben? Sie dachte bereits an ein nächstes Mal!
Ehe er sich von diesem Gedanken erholt hatte, drehte sie sich noch einmal um. »Ich paddle nach Silverstone. Meine Uhr hab ich dabei. Schätze mal höchstens drei Stunden. Ist das erlaubt?«
Sie wartete seine Antwort nicht mehr ab, sondern warf ihm nur eine Kusshand zu.
Ihr verschmitztes Lächeln war deutlich erkennbar, ehe sie so rasch es ihre Last erlaubte, aus seinem Gesichtsfeld verschwand.
Kopfschüttelnd blickte er ihr nach. Er wollte ihr noch etwas nachrufen, doch dann beließ er es dabei.
»Na, wenigstens hat sie diesmal kein Smiley gezeichnet. Ist ja schon ein Fortschritt,« murmelte er, ehe er rasch zurück in den Schuppen ging.
Dieses Mädchen war einfach ein Wildfang, daran würde wohl niemand etwas ändern können.
Lindsay konnte ihr Glück kaum fassen, als sie kurz darauf, nur mit ihrem Badeanzug bekleidet, in dem wendigen Kajak saß und sich auf die herrliche Strömung, die vor ihr lag, konzentrierte.
Ihre Oberbekleidung lag gut verwahrt in einem kleinen Trockensack. Sicher war sicher. Man konnte nie wissen.
Während sie sich vorsichtig tastend der Strömung hingab, dachte sie über Hank nach. Ihr Gefühl sagte ihr, dass er ihr einfach mit dieser Paddeltour eine Auszeit geben wollte. Damit sie nachdenken konnte, ganz für sich allein.
Sie hatte in seinen Augen etwas erkannt, als er ihr den Vorschlag gemacht hatte.
Ein Wissen um ihre Gefühle, ein tiefgehendes Verständnis.
Leise Wehmut erfüllte ihr Herz, als sie wieder an Tony dachte.
Es war wirklich schön mit ihm gewesen, doch irgendwie fühlte sie sich, als wäre sie weitergegangen, und er nicht. Es erschien ihr plötzlich seltsam, das sie solange mit ihm zusammen gewesen war.
Woran lag das auf einmal? War es seine charmante Art gewesen? Seine Beschützerinstinkte, die eigentlich eher Prahlerei gewesen waren?
Sie hatte mit ihm lachen können, und die vielen Partys die sie als Paar bestritten hatten, waren wirklich nett gewesen. Dennoch, wenn sie näher darüber nachdachte, fiel ihr wieder ein, wie sehr Tony von sich eingenommen war.
Die leise Stimme aus ihrem Unterbewusstsein flüsterte ihr ständig und mit nervtötender Eindringlichkeit den gleichen Namen zu. Es war Hank, der Tony eindeutig in den Schatten stellte.
»Nein!« Bloß nicht so ein Gedanke. Nein nein nein. Nur das nicht!
Sie kniff die Lippen zusammen. Nur nicht vergleichen, nur nicht die Einzelheiten heranziehen ... doch es war bereits zu spät.
Sie sah Tony vor sich, wie er sie anlächelte, seine gebräunte muskulöse Gestalt, die über seinen Mangel an Einfühlvermögen hinwegtäuschte und sein verschmitztes Lächeln, wenn er sie ansah. Der charmante Zug um seinen Mund, wenn er ihr zuzwinkerte und ihr etwas Nettes zurief. Jetzt kam es ihr eher wie ein billiger Abklatsch vor. Eine Imitation von jemanden, der er niemals sein würde.
Sie verzog ihre Lippen verächtlich, nicht ohne den leisen Stich in ihrem Herzen wahrzunehmen. Farblos, das war das richtige Wort dafür. Wie hatte sie das übersehen können?
Einmal, als er ein Footballspiel gehabt hatte, war er fuchsteufelswild geworden, weil sie gerade an denselben Tag einen Freestyle-Wettbewerb bestritten hatte, was sie davon abhielt, ihm zuzusehen, zuzujubeln.
Hank wiederum war gestern so nett zu ihr gewesen, hilfsbereit und verständnisvoll, ganz ohne sich wie ein Macho aufzuführen, so wie Tony.
Etwas missmutig, weil sie wieder einmal diese beiden miteinander verglichen hatte, verlangsamte sie von sich aus die Fahrt.
Was war nur los mit ihr? Wollte sie Tony vielleicht schon länger loswerden, wenn sie ständig einen anderen zum Vergleich heranzog?
Die leise Stimme in ihr, teilte ihr mit, dass Hank zweifellos besser abschneiden würde.
Verdammt, schon wieder ...
Kopfschüttelnd versuchte sie, diesen lästigen Gedanken wieder zu verdrängen und nahm sich einen Augenblick Zeit, um die Gegend zu genießen.
Die gewaltigen Berge, die sie immer schon faszinierend gefunden hatte, erhoben sich gegen den hellen Himmel.
Das herrliche Wasser des Flusses, das nach dem Regen ungebändigt dahinfloss, gab ihr wieder dieses Gefühl der Freiheit und Unbeständigkeit, dass sie so liebte.
Es bestimmte sein Tempo selbst.
Ja, die Natur hier war relativ unversehrt. Eine noch heile Welt.
Nachdenklich horchte sie in sich hinein. Würde ihr Herz das auch bald wieder sein?
Vermutlich würde es noch eine Weile dauern, doch es war seit gestern wesentlich einfacher, sich dem Schmerz zu stellen.
Während sie sich mit rascher Geschwindigkeit ihrem Ziel näherte, wurde ihr bewusst, dass sie heute noch Tony anrufen musste.
Einfach um es für sich selbst zu beenden.
Sie musste ihn nicht sehen, um ihm das alles zu sagen, was ihr am Herzen lag. Es war nicht mehr wichtig.
Sie genoss das Gefühl, das wilde Wasser unter ihrem Boot zu spüren und inhalierte die kühle, klare Luft.
Es war schon lange her, seit sie das letzte Mal mit einem Kajak alleine unterwegs gewesen war und sie genoss jede Sekunde davon.
Die Strömung war heute stärker, doch mit dem flinken Boot konnte sie sich endlich austoben. Es war traumhaft, wie das Boot dahinglitt.
Das Wasser des hochschäumenden Flusses hatte sie schon längst durchnässt, doch es fühlte sich gut an. Wie sehr sie das vermisst hatte!
Wenn ihr Vater sie jetzt nur sehen könnte ...
Okay, das wäre vielleicht doch nicht so gut, also verdrängte sie diesen Gedanken sofort wieder. Er würde vermutlich vor Angst vergehen, nachdem sie am Vortag bereits sämtliche elterlichen Instinkte mit ihrer Aktion in Alarmbereitschaft versetzt hatte.
Mit atemberaubender Geschwindigkeit flog sie schier über das Wasser.
Sie genoss es so sehr, dass sie fast vergaß, rechtzeitig dafür zu sorgen, aus der Mittelströmung herauszukommen um an der richtigen Stelle ans Ufer zu gehen.
Als sie die wenigen Häuser der düsteren Stadt erkannte, musste sie ihre Muskeln anspannen um mit Hilfe des Paddels ans Ufer zu kommen.
Durch dieses Manöver wurde der Kajak förmlich aus der Strömung herausgeschleudert. Als das Boot wieder auf die Wasserfläche aufkam, spürte sie bereits, wie es flippen würde. Fluchend hielt sie das Doppelpaddel parallel zum Kajak und nahm gekonnt Schwung, um selbst das Kentern, das unmittelbar bevorstand, kontrollieren zu können.
Eine leichte Aufgabe für jemanden wie Lindsay. Sie machte sich auf die Kälte gefasst und konzentrierte sich auf ihr Manöver.
Als das Boot umkippte und ihr Körper in das kalte, ungebändigte Wasser eintauchte, lief alles automatisch ab. Sie sorgte sofort dafür dass das Paddel Auftrieb bekam.
Während dieser Bewegung drehte sie das Boot mit der Hüfte nach oben, ehe sie ihren Oberkörper nachzog. Schon war es geschehen und sie war wieder auf der Oberfläche.
Sofort spannte sie ihre Schultermuskeln an und manövrierte das Boot aus der unmittelbaren Strömung ans Ufer.
Es geschah alles gewohnheitsmäßig und so rasch, dass sie keine Probleme mehr hatte, an Land zu gelangen.
Erst als sie das Boot ans Ufer zog, spürte sie das Zittern, das aus Hochgefühl und dem Empfinden der Gefahr entstanden war.
Verrückt, dachte sie bei sich, vollkommen verrückt und nicht besonders überlegt.
Sie ließ sich kurz auf den kiesigen Strand fallen und atmete ein paar Mal tief durch. Insgeheim war ihr klar, dass sie sich zuwenig konzentriert hatte. Sonst wäre das nicht passiert, aber dennoch ... das Gefühl der Euphorie blieb noch eine Weile.
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   Do 03 Nov 2011, 21:23

Teil 13

Sie war einige Meter von ihrer letzten Landungsstelle entfernt, doch es war nicht so schlimm. Auch hier war es flach genug.
Nachdem sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, hob sie ihr Boot hoch und trug es zu den Häusern, wo sie es auf dem kiesigen Strand hinlegte.
Grinsend nahm sie ihren Helm ab und verstaute ihn im Boot. Das war toll gewesen!
Vorsichtig spähte sie um sich, ehe sie ihren Badeanzug gegen einen Zweiteiler und ihrer mitgebrachten Kleidung tauschte.
Ein unglaubliches Gefühl, das Kentern! Dumm, aber auch genial. Gut, dass der kleine Trockensack seinen Namen gerecht geworden war.
Sie packte hastig ihre nassen Sachen in den Sack und verstaute alles, samt Schwimmweste in ihrem Boot, ehe sie zu den Häusern eilte.
Endlich wieder hier, dachte sie bei sich.
Ob Huck und Becky heute auch da waren?
Unsicher blickte sie um sich. Das düstere Bild in ihrer Erinnerung stimmte mit dem heutigen Eindruck überein.
Kaum zu glauben, dass die Sonne, die den Tag in helle Farben tauchte, nicht genügend Kraft hatte, um diesen einsamen Häusern Licht zu schenken.
Verwirrt nahm sie wahr, wie sich ihre Nackenhärchen bei diesen Gedanken aufstellten. Furcht ...
Hastig versuchte sie, dieses Gefühl abzuschütteln. Was war es nur, dass sie hier immer wieder so empfinden ließ?
Zögerlich betrat sie die sogenannte Mainstreet, die heute verlassener denn je wirkte. Der leichte Wind rüttelte sachte an einer Tür, die knarrend gegen eine Hausmauer schlug.
Die Einsamkeit der Stadt nahm Lindsay heute besonders stark ein, und sie beschloss, rasch auszuschreiten um irgendwohin zu gelangen. Aber wohin wollte sie denn überhaupt?
Sie schlug automatisch den Weg zu dem kleinen alten Häuschen ein, in dem Becky und Huck sie letztes Mal geführt hatten, doch zögerte etwas.
Während sich ihre Schritte merklich verlangsamten, hatte sie auf einmal das Gefühl, dass sie beobachtet wurde.
Rasch drehte sie sich um und ihr Blick fiel auf den Saloon hinter ihr, dessen staubige Fenster wie leere Augen wirkten. Leere, blinde Augen, die hinaus in das grau starrten.
Was für merkwürdige Gedanken waren das bloß!
Sie zuckte zusammen, als sie glaubte, eine Bewegung dahinter wahrzunehmen. Hastig suchte sie die Fenster nach einer weiteren Regung ab. War noch jemand außer ihr hier? Sie hatte kein anderes Boot als ihres gesehen, doch das besagte gar nichts. Es wäre möglich, dass jemand vom Campingplatz zu Fuß hierher lief, um sich umzusehen.
Nein, dachte sie gleich danach, eher unwahrscheinlich.
Es war ein relativ weiter Weg und es gab auch keinen direkten Zugang hierher, außer man kannte den kleinen Schleichweg, den Huck benutzt hatte, als die Beiden sie zurück zum Flussufer begleitet hatten, okay, es war zwar unwahrscheinlich, doch nicht gänzlich unmöglich.
Sie beschloss, ihre Ängste nicht weiter zu schüren. »Hallo? Ist noch jemand hier?«
Ein leichter Windhauch wehte ihr die Haare ins Gesicht und sie strich sie ungeduldig beiseite. »Ich muss euch noch kürzer schneiden lassen, das nächste Mal. Ihr seid noch immer lästig.«
Unsinning, war ihr nächster Gedanke. Sie führte bereits Selbstgespräche mit ihren Haaren. Das erste Zeichen von Wahnsinn.
Sie straffte die Schultern und beschloss, Nägel mit Köpfen zu machen, indem sie einfach den hölzernen Bürgersteig zum Saloon hinaufsprang. »Hallo. Jemand da?« Vorsichtig stieg sie über die Reste des großen Saloonschildes hinweg, ehe sie die schiefe Tür mit der kaputten Milchglasscheibe aufstieß.
»Wenn jemand hier ist, sollte er sich vielleicht melden! Hier ist es nicht ungefährlich!« Wie schon beim ersten Mal wurde sie von der düsteren Stimmung des Raumes in ihren Bann gezogen, nur dass diesmal weder Huck noch Becky in ihrer Nähe waren. Alles sah noch genauso aus, wie vor zwei Tagen. Dieselben staubigen Gläser, die Flasche mit dem goldbrauen Inhalt, die herumstehenden Tische und Stühle.
Das beklemmende Gefühl, das noch jemand hier war, verstärkte sich mit jeder Sekunde.
Sie lauschte in die bedrückende Stille, obwohl sie genau das nicht wollte, doch sie konnte einfach nicht anders.
Atmete da jemand in ihrer Nähe?
Nein, sie schüttelte den Kopf.
Es ist nur der Wind, der durch kleine Ritzen ins Innere des dämmrigen Raumes dringt; raunte ihr eine kleine Stimme zu.
Hastig ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Nein, hier war wirklich niemand.
In diesem Augenblick knarrte auf einmal ein Dielenbrett hinter ihr und sie fuhr mit einem leisen Schrei herum. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie spürte die leichte Panik, die in ihr hochkroch.
Es war aus dem alten Restaurant gekommen! Sollte sie davonlaufen?
Ja, sagte eine leise Stimme zu ihr. Lauf so rasch du kannst! Hier ist es nicht geheuer!
Lindsay blieb stehen und griff nach der Flasche auf dem Tresen. Sie spürte, den klebrigen Staub unter ihren Fingern. »Wenn jemand außer mir noch hier ist, bitte melden!«
Fluchend umklammerte sie den Flaschenhals, nur für alle Fälle »Verdammt, ist da jetzt wer oder nicht?« Keine Antwort. ...
Was sollte sie tun? Wieder diese Stimme, die ihr zur Flucht riet. Sie haderte mit sich. Wenn sie jetzt ging, konnte sie rasch zurück zum Boot laufen und verschwinden, doch was wäre wenn da jemand war, der einfach nicht mehr antworten konnte?
Der die Warnschilder nicht ernstgenommen hatte und aus Neugierde das alte Restaurant betreten hatte?
Er konnte eingebrochen sein, irgendwo herumliegen, ohne Hoffnung auf Hilfe.
Sie atmete tief durch und durchquerte den Raum, bis sie neben dem langen Tresen bei dem Eingang zum alten Restaurant stand.
Vorsichtig, um sich ja nicht zu viel zu bewegen, spähte sie in das dämmrige Dunkel hinein. »Hey, ist da wer? Ich warne Sie, der Boden darin ist brüchig. Da ist schon was passiert!«
Nichts, Stille. Oder doch nicht? Unsicher trat sie näher. Behutsam lugte sie in den düsteren Raum hinein. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das diffuse Grau im hinteren Raum.
Sie erkannte die Umrisse von einigen Tischen, die wild verstreut herumstanden. Auch mehrere Stühle befanden sich noch in dem Raum. Einige sahen aus, als ob sie schon lange umgefallen waren.
Sie lauschte wiederholt und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf und eine feine Gänsehaut überzog ihre nackten Arme. Sie sollte lieber wieder gehen. Es sah nicht so aus, als ob noch jemand außer ihr hier war. Doch die Bewegung am Fenster ... hatte sie sich die auch nur eingebildet?
Beklommen drehte sie sich zu der Tür. Auf einmal schien sie ihr unendlich weit entfernt. Sie beschloss, einfach im normalen Tempo den Saloon wieder zu verlassen. Hier war niemand, konnte keiner sein. Es war übersichtlich hier. Da gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken, außer in dem alten Restaurant, schoss es ihr durch den Kopf.
Ihr Blick wanderte wie unter Zwang zu dem dunklen Fleck auf dem Boden. Ganz konnte sie das beklemmende Gefühl nicht abschütteln, als sie einen großen Bogen darum schlug.
Sie näherte sich der Eingangstür rasch. Den kalten Schauer der ihr den Rücken herunterlief, konnte sie nicht vermeiden.
Bevor sie die Tür erreichen konnte, spürte sie einen kühlen Luftzug in ihrem Rücken und fuhr hastig herum, in der Erwartung, jemanden hinter sich vorzufinden.
Doch da war ... nichts! Niemand stand hinter ihr, niemand war hier, außer sie.
Es war nur der Wind gewesen! Kein offenes Fenster in der Nähe, keine offene Tür ...
Sie versuchte, das mulmige Gefühl wieder zu verdrängen, das sie beschlich.
Es musste einfach der Wind sein, der von draußen durch eine der vielen Ritzen gefahren war und sie erschreckt hatte. Was sollte es auch sonst sein?
Hm, vielleicht ein paar Geister, die sich hier herumtreiben um Menschen zu erschrecken?
»Oh Mann, das ist ja schlimmer als im Kindergarten.« Sie sprach laut mit sich selbst in der Hoffnung dass sich ihr beschleunigter Puls beruhigen würde und überlegte. Geister konnten es nicht sein, denn sowas gab es nicht.
Sie grübelte. Wieso nannte man solche Städte nicht ganz einfach verlassene Städte? Das Wort ‚Geisterstadt‘ war eher nachteilig, besonders für sechzehnjährige Paddlerinnen, die sich mit anderen Jugendlichen trafen, die in seltsamer Kleidung durch eben einer solchen Stadt liefen und Witze darüber rissen, oder Gruselgeschichten erzählten.
Sie fröstelte ein wenig bei dem Gedanken an die beiden. Heute schienen sie nicht hier zu sein. Dennoch war es möglich, dass noch jemand anderes hier war.
Nein, sie schüttelte energisch mit dem Kopf. Hier war nur sie, und der Luftzug vorher ... war nur ein Luftzug gewesen. Nichts außergewöhnliches. Dennoch ... da war doch ein Schatten gewesen. Oder nicht?
Fast glaubte sie, ein Wispern, ein Flüstern von Stimmen zu vernehmen. Es schien, aus dem abgesperrten Teil zu kommen. Nein, das konnte nicht sein. Ihre Sinne mussten ihr einen Streich spielen!
Wie kleine Spinnenbeine lief es ihr kalt den Rücken hinunter.
Sie trat zurück, während ihr Blick das dunkle Rechteck der Türöffnung, die in das ehemalige Restaurant führte, fixierte. Bewegte sich da hinten etwas? Unmöglich, dachte sie bei sich.
Sie hielt die Luft an, als sie abermals vermeinte, eine Bewegung in dem Raum zu erkennen. Man konnte es auch nicht so wirklich eine Bewegung nennen.
Es schien eher wie ein gewaltiges Zittern. ein wogender Schatten in der Dunkelheit. Dann war es auch schon vorüber, einfach so ...
Nein, es war ausgeschlossen! Sie musste sich zusammennehmen. Soetwas gab es nicht!
Hier war niemand, außer vielleicht Ratten oder sonstige wilde Lebewesen, die vom Regen des vergangenen Tages hier Zuflucht gesucht hatten.
Ja, dieser Gedanke beruhigte ihre angespannten Sinne etwas. Alles war möglich. Ein Waschbär, eine wilde Katze, Mäuse, Ratten. Tiere gab es hier zu Genüge.
Allerdings achtete sie, während sie vorsichtig um sich spähte, sorgfältig darauf, den winzigen hellen Bereich des Eingangs nicht wieder zu verlassen.
Als die Eingangstür in diesem Augenblick hinter ihr knarrend zufiel, fuhr sie so heftig herum, dass sie auf dem von Feuchtigkeit schmierig gewordenen Staub ausrutschte und unsanft auf den Boden krachte.
Holz splitterte unter ihr und sie spürte die winzigen Fragmente, die sich schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten. Unter ihr knackte es und sie schaffte es gerade noch, von der Stelle wegzurollen, ehe einige Bretter plötzlich unter ihr brachen.
Bestürzt starrte sie auf das kleine Loch, wo zuvor noch der Boden intakt gewesen war. Ein Kind konnte da bereits in Schwierigkeiten geraten.
Den Schrecken noch in den Knochen erhob sie sich und wischte sich die Hände an den Shorts ab. Die kleinen Holzsplitter, die in ihre Haut gedrungen waren, stachen schmerzhaft und sie erkannte einen Schnitt im Handballen, der stärker blutete.
Hastig kramte sie ihr Halstuch hervor und wickelte es um die Hand. Es war nicht so schlimm, eher unangenehm.
Gut, dass sie dieses Tuch immer eingesteckt hatte. Es diente normalerweise als Sonnenschutz, wenn sie auf dem Wasser unterwegs war.
Mit den üblichen Mützen konnte sie nicht viel anfangen, da sie diese ständig verlor. So ein Tuch hielt wenigstens.
Erschaudernd dachte sie daran, was passieren hätte können, wenn sie eingebrochen wäre, also so richtig. Ganz alleine hier in dieser alten Stadt.
Hank wusste, wovon er sprach, wenn er die Leute warnte.
Wer hätte ihr auch helfen können? Huck? Becky?
Vermutlich, wenn sie hier gewesen wären, doch was wäre wenn ... sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, denn ein Scharren aus der Dunkelheit des angrenzenden Raumes lenkte sie ab.
Die Angst, die sie zuvor empfunden hatte, kehrte wieder. Sie dachte nicht im Traum daran, noch einmal nachzusehen, sondern lief zu der zugefallenen Eingangstür.
Als sie versuchte, diese aufzustoßen, scheiterte sie an dem Widerstand der Tür. Entsetzt starrte sie auf den Griff. In einem Anflug von Panik rüttelte sie heftig daran, doch sie entlockte der Tür nur ein Ächzen, das besagte, dass die jahrhundertalte Vorrichtung klemmte.
»Scheiße! Wie schaff ich das bloß nur immer wieder?« Sie verdrängte das aufkeimende Gefühl, eine Gefangene zu sein und überlegte, was für Möglichkeiten sie noch hatte. Es gab garantiert noch einen anderen Ausgang. Doch wo?
Mit wachsender Sorge erkannte sie ihre einzige Alternative.
Das alte Restaurant! Das hatte garantiert einen weiteren Zugang.
Wieder schien es, als ob sie ein gedämpftes Flüstern hörte. Nein, es war sicher nur der Wind. Und wenn nicht?
»Genug, Lindsay. Du fantasierst heute mal wieder!« Ihre Stimme klang unnatürlich laut in der Stille des ausgestorbenen Saloons.
Was sollte sie bloß tun? Das Restaurant zu betreten jagte ihr eine Heidenangst ein. Falls da wirklich jemand war, dann war das mit Sicherheit kein gutes Zeichen.
Und dann gab es da noch diesen Einbruch in dem Boden, der schon mal Menschen zum Verhängnis geworden war.
Eine Scheibe einschlagen und aus dem Fenster klettern?
Nein, das sah nur in Filmen gut aus. In der Realität würde sie sich garantiert nur verletzen oder irgendwo hängen bleiben.
Gut, also doch nachsehen, den verbotenen Raum betreten ...
Wiederholt schnappte sie sich die Flasche und näherte sich diesmal zügig dem dunklen Gebäudeteil. Ihr Herz klopfte heftig und das Blut pulsierte in ihren Ohren.
Als sie vorsichtig die Schwelle zu dem Restaurant überquerte, konzentrierte sie sich auf den Boden dahinter.
Ihre Augen brauchten eine Weile um sich an die dunklen Winkel zu gewöhnen.
Sie horchte in den Raum. Atmete jemand hier? Schlich ein Tier herum?
Sie vermeinte, ein leicht kratzendes Geräusch zu erkennen und nahm all ihren Mut zusammen. »Hallo? Ist jemand hier? Wenn ja, bitte melden. Wir müssen irgendwie hier raus.«
Der Boden unter ihren Füßen ächzte. Jahrhundertalter Staub kitzelte in ihrer Nase und sie musste niesen. Erneut vermeinte sie ein Geräusch zu erkennen. Eindeutig ein Scharren von etwas. Einem Tier?
Unbehaglich blickte sie sich um. In diesem Raum war es stockfinster. »Geh wieder, Lindsay. Hier ist es gefährlich ...«
War das die Stimme in ihrem Inneren die auf einmal nach außen gedrungen war?
Sie schluckte und drückte sich gegen die Wand nächst der Tür.
»Ich sollte gar nicht hier sein! Was soll das hier nur werden?«
Im selben Augenblick spürte sie eine pelzige Berührung an ihrem Bein und konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken. Sie zuckte zusammen und zog den Fuß hastig zurück. Ein Tier! Eine Ratte womöglich! Ekel stieg in ihr auf und ihr Magen zog sich unangenehm zusammen.
Im gleichen Augenblick knarrte der alte Boden unter ihr. Er knarrte und vibrierte! Nein, hier kam sie niemals heil durch, also musste sie wieder zurück in den Saloon.
Es konnte einfach nicht wahr sein! Saß sie tatsächlich hier fest?
Einen Moment lang vermeinte sie schon, hysterisch zu werden, doch dann gewann ihr Verstand wieder Oberhand. Es gab keinen Grund, durchzudrehen, noch nicht ...
Gut, was für Möglichkeiten hatte sie tatsächlich? Es konnte doch nicht so schwer sein, hier hinauszukommen. Irgendwie musste es eine Lösung geben.
Ein Schatten zog an ihrem Gesichtsfeld vorüber. Irritiert starrte sie zu der Fensterfront. War da jemand vorbeigegangen?
Im gleichen Moment, als sie herumfuhr, sprang etwas Kleines, Graues Pelziges aus einem Winkel der Bar hervor. Das Fauchen erschreckte Lindsay, doch dann erkannte sie das es sich um eine Katze handelte. Einfach eine stinknormale Katze!
Ein hysterisches Kichern kam ihr über die Lippen.
Die ganze Zeit über hatte sie gedacht, es sei noch jemand hier. Sie war schon gewillt gewesen, an Geister zu glauben, und dann auf einmal stellte sich heraus, dass es nur eine Katze gewesen war, die ihr Angst eingejagt hatte.
Als ihre Wahrnehmung wieder vollends zurückkehrt war, wurde ihr erst bewusst, was sich vor ihren Augen abspielte. Die Katze saß, das graue, halblange Fell gesträubt, auf dem Boden vor der Tür. Ihr Schwanz war aufgerichtet und ihre Ohren zurückgelegt, während sie fauchend auf irgendetwas starrte, das Lindsays Blicken verborgen blieb.
Im selben Augenblick huschte wieder der Schatten draußen vorbei und Lindsay erstarrte vor Schreck.
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BeitragThema: Re: Gone Yesterday   So 11 März 2012, 22:33

Teil 14

Während sie überlegte, was sie als Nächstes tun konnte, wurde ihr bewusst, dass sie sowieso da hinaus musste, egal was los war.
Und weshalb sollte nicht noch jemand hierher gekommen sein um sich die Stadt anzusehen? Warum nur hatte sie sich von dem ganzen Geisterstadt-Feeling anstecken lassen? Kopfschüttelnd trat sie zu der Tür und versuchte abermals sie zu öffnen. Ihr erster Versuch scheiterte, doch das alte Holz knarrte vielversprechend, weswegen sie sofort nachsetzte. Noch mal ein tiefes Ächzen, als läge die gesamte Last der Stadt auf dieser alten Holztür, und sie schwang knarrend auf!
Misstrauisch beäugte sie den Türrahmen. Sie hatte zwar keine Ahnung von hundertjährigen Türen, dennoch versuchte sie sich ein Bild davon zu machen. Sie beschloss für sich, dass die Tür sich durch den literweisen Regen einfach verzogen haben musste, und ließ sie einen Spalt offen, als sie hinaus auf die Straße trat, auch wenn es keinen Sinn ergab.
Die Katze war ihr gefolgt. Nun saß sie vor der Tür und starrte Lindsay mit ihren gelben Augen vorwurfsvoll an, doch ihre angespannte Haltung war verflogen.
»Ich kann doch nichts dafür, dass alles hier nass ist! Und falls es wegen vorher ist, dann muss ich schon sagen, dass du selbst schuld bist! Du bist wie ein Verrückter durch die Gegend gehüpft und hast mich zu Tode erschreckt, also sieh mich nicht so an!«
Der Schwanz der Katze zuckte ein bisschen, doch scheinbar hielt sie eine Antwort nicht für nötig, denn sie drehte sich um und schlenderte wieder zurück in den Saloon.
»Mann, jetzt gehst du tatsächlich wieder zurück! Wie armselig!«
Sie zuckte mit den Schultern und trat auf die menschenleere Straße. »Na dann viel Spaß mit den betrunkenen Saloongeistern, du Verräterin.«
Wohin sollte sie jetzt bloß gehen? War es schon an der Zeit zurückzufahren? Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie noch eine Stunde zeit hatte. Drei Stunden hatte sie Hank gesagt, dass müsste reichen.
All ihren beängstigenden Gedanken zum Trotz, schlug sie automatisch den Weg ein, den sie mit Huck und Becky gegangen war, als diese sie zu diesem alten Haus geführt hatten. Natürlich sah sie sich mehrmals um, doch langsam siegte ihre Neugierde über die Angst, und sie begann zu glauben, dass sie sich alles nur eingebildet hatte.
»Verrückte Welt«, murmelte sie missmutig, als sie einer riesigen Wasserpfütze auswich und dabei bis zum Knöchel in Schlamm versank. »Na super, bald werd ich aussehen, wie das Monster vom Fluss.«
Sie fand den Weg auf Anhieb und schon bald stand sie vor dem alten Haus. Diesmal brannten keine Kerzen und es wirkte kalt und verlassen.
Scheinbar waren ihre neuen Freunde heute mal nicht hier, was durchaus seine Berechtigung hatte, denn der Regen hatte sämtliche Straßen in der Geisterstadt in riesige Matschpfade verwandelt.
Sie dachte einen Augenblick an die Verkleidungen der beiden und lächelte. Die waren wirklich verrückt, doch ihr gefiel es. Schade, dass sie heute nicht hier waren.
Gut, ihre Mutter würde wohl auch nicht so begeistert sein, wenn Lindsay heute in diesem Aufzug nachhause kam. Matsch war Matsch.
Eine kleine Welle des Mitleides überkam sie, als sie an all die armen Frauen von damals dachte, wie sie mit ihren Reifröcken und Stiefelchen hier herumgelaufen waren.
Vorsichtig trat sie an eines der verstaubten Fenster und spähte hinein. Alles was sie erkennen konnte, war der Umriss der Stühle und des klobigen Tisches. Diese Fensterläden ließen keinen genaueren Blick zu.
»Was tu ich hier nur?«, überlegte sie, obwohl sie dennoch um die Ecke bog, nur um zu der Hintertür zu gelangen.
Zögernd sah sie sich um. Irgendwie konnte sie nicht aufhören, an diese unheimliche Sache im Saloon zu denken.
Wenn da tatsächlich noch wer war, wieso fühlte sie sich dann so unwohl?
Kopfschüttelnd trat sie zur Hintertür um den Stein, den Huck als Türzuhalter benutzte, wegzuschieben.
Als sie die Tür aufstieß, stieg eine kleine Staubwolke auf und sie musste husten. Kaum zu glauben. Scheinbar waren die beiden in letzter Zeit nicht mehr hiergewesen. Der Geruch nach verbranntem Holz kitzelte in ihrer Nase und sie musste niesen.
Als sie ins dämmrige Innere trat, spürte sie die Leere fast körperlich. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, würde sie meinen, dass hier seit vielen Jahren kein Mensch gewesen war.
Es schien alles unverändert.
Sie erkannte einige Kerzenstumpen am Tisch und drei staubige Gläser.
Wieder spürte sie, wie sich ihre Nackenhärchen aufstellten. Irgendwas war anders, doch was?
Irritiert trat sie näher an den Tisch heran. Da fiel es ihr auf! Es gab keine Tischdecke mehr und eine zentimeterhohe Staubschicht bedeckte die Tischplatte.
Verwirrt trat Lindsay zwei Schritte zurück. Das konnte nicht sein, außer der Staubteufel hatte hier seine Heimat.
Hastig trat sie quer durch den Raum zu dem Fenster, dessen Fensterläden eine Spalt offen waren und versuchte, das Ding weiter zu öffnen. Es knarrte und ächzte schwer im Gebälk doch es gelang ihr, trotz ihrer Handverletzung.
Milchiges Licht erhellte den Raum etwas mehr und sie sah sich genau um. Am Tisch erkannte sie an einer Stelle kreisförmige Abdrücke und zwar genau dort, wo sie vor ein paar Tagen die Getränkedosen abgestellt hatte. Wie konnte das sein, wo doch damals eine Tischdecke hier gelegen hatte? Verwirrt schob sie einen der Stühle zur Seite. Das kratzende Geräusch, als sich die Holzbeine über den Boden schoben, ließ sie ein wenig zusammenzucken. Sie erkannte die Schleifspur im Staub, die sie gerade eben hinterlassen hatte, und die Fußspuren.
Irritiert beugte sie sich hinab, um sicher zugehen, dass das, was sie sah, auch tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Ihr Puls fing zu rasen an und sie schnappte erschrocken nach Luft.
Der gesamte, grobe Holzboden war regelmäßig mit einer dicken Staubschicht überzogen, bis auf die Stellen wo sie gegangen war. Dort erkannte sie sowohl ihre alten, wie auch ihre neuen Fußabdrücke, und sonst ... nichts! Es gab kein Anzeichen dafür, dass außer ihr noch jemand anderer hiergewesen war. Nicht heute und nicht vor ein paar Tagen.
Lindsay sah sich hektisch nach einem Hinweis um, dass sie nicht vollkommen den Verstand verlor und erkannte die kleine Tür, die in einen weiteren Raum zu führen schien.
Als sie diese aufstieß, fand sie sich in einem Schlafkabinett wieder, falls man diesen winzigen Raum überhaupt so bezeichnen konnte. Ein altes kastenförmig zusammengezimmertes Bett, dass scheinbar für zwei Leute gedacht war, beherrschte den gesamten Raum. Die Reste einer gestreiften dicken Decke waren gerade noch so zu erkennen und eine kleine Leiter im hinteren Teil führte auf eine Art Dachboden. Überall dieselbe dicke Staubschicht. Es gab keinen Hinweis darauf, dass sich hier zwei Kids aufgehalten hatten. Nicht den geringsten. Sie verstand das nicht. War sie wirklich hier gewesen? Einmal noch blickte sie um sich. Ja, sie war eindeutig in diesem Haus gewesen! Das stand fest!
Sie betrachtete die Leiter, und beschloss, einen Versuch zu wagen. Das Ding sah irgendwie noch ziemlich stabil aus, auch wenn das Holz längst schwarz und rau von den vielen Jahren geworden war. Der Schnitt im Handballen klopfte zwar schmerzhaft, doch das hielt sie nicht davon ab, über dieses alte Ding hochzuklettern. Hatten die beiden eine Möglichkeit gefunden, sämtliche Spuren zu entfernen, die auf sie hindeuteten? Lindsay ging diese und noch ein paar andere Möglichkeiten durch, während sie sich auf den offenen Dachboden hochzog.
Das Dach war scheinbar nicht dicht, denn überall befanden sich schmierige Wasserpfützen und sie musste gut achtgeben, nicht auszurutschen. Außerdem konnte sie hier oben nicht mehr aufrecht stehen.
Die beiden Betten waren wesentlich schmaler, wenngleich sie genauso gebaut waren, wie das große unten. Eines davon, das was hinten an der Wand stand, hatte scheinbar früher einen Vorhang gehabt. Lindsay erkannte es an der Vorrichtung, die an die schräge Decke geschraubt war. Es sah aus, als hätte jemand eine Vorhangstange gebastelt, um Sichtschutz zu bieten. Das vordere Bett lehnte nur mehr an zwei Stützen. Der Rest war in sich zusammengefallen.
Für einen Moment vergaß Lindsay, weswegen sie hier oben war und dachte an die Leute in der damaligen Zeit, als diese Stadt eine reiche Silberstadt gewesen war.
So einfach hatte man gelebt. Es gab keine ausreichende Dämmung gegen das Wetter, keinen Luxus wie ein Badezimmer, oder ein WC. Es war ein seltsames Gefühl, hier oben zu stehen. Nachdenklich besah sie sich das hintere Bett. Es stand ohne Stützen direkt auf dem Boden. Sie wollte näher gehen, doch im selben Augenblick knarrte es verdächtig unter ihren Füßen. Siedendheiß fiel ihr ein, dass auch hier die Gefahr bestand, dass der Boden einbrechen konnte.
Hastig wollte sie zurückweichen, als auch schon das Brett unter ihr nachgab.
Es brach mit einem satten Geräusch. Nur ihr Sprung auf das hintere Bett rettete sie, dessen Kopfstütze der Wucht ihres Aufpralls nicht standhielt und wegkippte.
Ehe sie es sich versah, brach die Liegefläche unter ihr zusammen. Der Boden darunter knarrte ebenfalls verdächtig und sie schloss hastig die Augen. »Bitte bitte lass mich nicht durch das Dach brechen. Bitte bitte« , dachte sie bei sich.
Dann war es auf einmal vorbei und sie fand sich halb auf dem Boden liegend, inmitten des zerstörten Bettes wieder. Vor ihr klaffte ein weiteres Loch im Boden.
Na fein, wenn sie so weitermachte, dann würde sie wohl die gesamte Geisterstadt vernichten.
Sie rappelte sich vorsichtig auf und stützte sich an der Dachschräge ab.
Ehe sie ihre Hand zurückziehen konnte, gab das Brett nach. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren, als ihre Hand in den Hohlraum dahinter hineinrutschte. Sie unterdrückte einen Schmerzschrei, als sie auf eine harte Kante stieß.
»Aw, was zum Teufel ist denn das?« Verdutzt zog sie das Ding hervor.
Eine ihrer Fingernägel war gebrochen und sie blutete darunter. Aber sie hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern, sondern betrachtete, was sie herausgefischt hatte.
Es war eine kleine quadratische Holzkiste mit einem zart schimmernden Schmetterling aus Perlmutt. »Wow, das ist doch ...«
Sie fuhr mit einem Finger sachte über das glatte Holz. »Wahnsinn. Unglaublich!« Sie hätte es am liebsten sofort genauer inspiziert, doch ihre momentane Situation ließ das nicht zu. Es war schon gefährlich genug gewesen, dass sie hier hinauf gekommen war.
Höchste Zeit, wieder hinunterzuklettern, bevor der gesamte Boden wegbrach.
Behutsam klemmte sie sich das quadratische Ding unter den Arm, während sie ebenso behutsam versuchte, wieder zu der Leiter zu gelangen.
Sie konnte den Raum unter sich durch das Loch im Boden erkennen und schluckte.
Das hätte ins Auge gehen können.
Rasch verdrängte sie die schlimmen Gedanken. Sie hatte Glück gehabt, wiedereinmal ... wenn sie heute noch heil heimwärts kommen wollte, dann sollte sie sich wirklich auf den Weg machen.
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Gone Yesterday

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