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Nephren-Ka

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 | Thema: Nephrens Kurzgeschichten Mi 14 Sep 2011, 21:26 | |
| 1. Der Ruf des Mondes Eine Jagd in 12 Strophen
Sie knallte die Tür hinter sich zu und lief davon. Ohne bestimmte Richtung, sondern dorthin, wo man hinkommt, wenn man einen Ort verlassen will, aber kein klares Ziel hat. Ihre Schritte lenkten sie in den Wald. Schon oft war sie hier gewesen, aber ihre Wut und das diffuse Licht des Vollmondes ließen den Ort fremd und seltsam erscheinen. Sie setzte sich auf den Boden und verschränkte die Arme. Sie würde hier sitzen bleiben, bis ihr etwas besseres einfiel.
Ich höre den Mond. Er ruft nach mir. Lockt mich mit süßer Stimme. Ich sehe den Schleier, fühle das dünne Geflecht aus Nebel. Ich bin ein Kind der Nacht, der stolzesten aller Nächte. Ich bin der Jäger, nichts und niemand kann mir widerstehen. Ich rieche den süßen Duft des Blutes und den herben Duft von Macht. Meine Macht. Der Mond....er ruft.
Als der erste Nebel aufzog, kam sie auf den Gedanken, dass sie wenigstens eine Jacke hätte mitnehmen sollen. Zitternd kauerte sie sich zusammen. Sie würde ihren Eltern mit Sicherheit nicht die Genugtuung gönnen und jetzt schon nach Hause kommen. Lieber erfror sie hier. Sie lehnte sich an einen Baum und genoss den Anblick. Der Wald, der Nebel, der Mond. All das hatte eine düstere Romantik, die ihr gefiel.
Sie wachen nicht. Nicht heute Nacht. Heute ist sie. Die große Jagd. Der Nebel. Der Schleier fällt. Der Mond. Er ruft. Führt mich zu meiner Beute. Heute Nacht. Ich wittere frisches Blut, warm in den Venen kreisend. Ich bin der Jäger. Das Kind des Mondes. Ich höre das helle Lied des Mondes und den dunklen Choral des Waldes. Das Licht des Mondes gibt mir Kraft, schärft meine Sinne, befreit mich von der Last des Mensch-Seins, schenkt mir die einfache Freiheit und Macht des Tieres.
Sie schloss die Augen und summte eine leise Melodie. Sie hatte nie viel Angst im Dunklen gehabt. Das war genau die Situation, in der in den Romanen, die sie so liebte, entweder der schöne, charmante Vampir auftrat, um sie zu verführen, oder das grässliche Monster, um sie zu töten. Sie überging den letzten Gedanken und gab sie dem ersteren mit einem verträumten Lächeln hin.
Frisches Blut. Hunger. Nagender Hunger. Das ist er, der Preis der Macht. Ich gedenke dem Mond. Du, mein helllichtes Gestirn, das du mir Kraft gibst und Stärke. Macht. Oh, Luna, die du mich befreist von allen Zwängen. Die du dein Licht schickst, in das innerste meiner Seele, von wo es zurückkehrt zu dir. Meine Beute. Ich rieche, höre, spüre sie. Ich kann sie töten, ohne dass sie mich sehen würde. Aber sie soll mich sehen. Sie soll laufen, fliehen sich wehren. Ich will den süßen Blick voller Angst auf mir liegen sehen, den schrillen Schrei hören, ehe ich meine Beute töte.
Sie war eingenickt und schreckte plötzlich hoch. Einen Moment fragte sie sich, was sie geweckt hatte. Es war ruhig geworden. Totenstill. Nebel um gab sie. Es war, als hätte man sie in Watte gepackt. Kein Geräusch drang an ihre Ohren und dichter Nebel umgab sie. Die Stille bedrückte sie. Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Eine Art tappen, wie von Schritten. Sie sprang auf und wirbelte herum. „Ist da jemand?“
Ich sitze im Nebel. Nicht hier, nicht dort. Am Ort zwischen den Orten. Im Nebel. Ich kann es klar hören, das Lied des Mondes. Selbst hier. Ich sehe meine Beute, höre, spüre sie. Kann ihr Herz hören, ihren Atem riechen, ihr Blut fühlen. Sie soll mich sehen, sich fürchten, fliehen.
Ihr Blick fiel auf einen Wolf. Ein großes, graues Tier, das sie unverwandtansah. Sie erstarrte. Man darf nicht vor Wölfen weglaufen, das weckt den Jagdinstinkt und sie sind schneller als du, erinnerte sie sich. Wölfe greifen keine Menschen an. Man darf sie nicht reizen und ihnen nicht in die Augen sehen. Sie bemühte sich Ruhe zu bewahren und erwiderte den Blick des Tieres
Warum läuft sie nicht? Sie hat Angst. Ich spüre es. Der Mond. Er ruft. Hunger...
Sie weitete die Augen und starrte das Tier an. Der Wolf erhob sich, lief knurrend auf sie zu. Panisch machte sie einen Schritt zurück. „Lauf.“, knurrte der Wolf. Sie traute ihren Ohren nicht. Das Tier war doch nicht normal. Er war größer als normal, seine Augen strahlten in einem finsteren Rot und er schien zu sprechen. „Lauf, Kind.“, kläffte er. Sie erschauerte, drehte sich um und lief in den Nebel.
Es fängt an. Die große Jagd. Hunger, Blut. Ich verfolge sie. Ich will sie noch nicht einholen, will erst mit ihr spielen. Macht. Der Mond, er singt seinen süßen Gesang.
Wider alle Vernunft rannte sie, sprang ungeschickt über Baumstümpfe, verhedderte sich in Gestrüpp und stolperte über Äste. Der Wolf holte sie nicht ein und das gab ihr neuen Mut. Sie hörte den Atem des Wolfs hinter ihr, sein schnellen Schritte, wie er geschickt über Hindernisse sprang, die sie zum stolpern brachte. Vielleicht konnte sie auf einen Baum flüchten. Unterbewusst nahm sie wahr, dass der Nebel nachließ.
Der süße Rausch der Jagd. Schlaue Beute, schnelle Beute. Werde sie kriegen, ihre Knochen abnagen. Schönes Kind. Süßes Blut. Der Mond...
Sie steuerte eine Eiche mit tief hängenden Ästen an, als der Boden nachgab. Sie war in einen Kaninchenbau getreten, der eingebrochen war und sie zu Boden gehen ließ. Hastig befreite sie ihren Fuß aus dem Loch und versuchte aufzustehen. Sie hatte keine drei Schritte gemacht, als ein heftiger Schmerz sie wieder zu Boden schickte. Sie musste sich den Knöchel verstaucht haben.
Die Jagd ist zu Ende. Ich habe sie, meine Beute. Hunger. Blut. Der Mond, sein Gesang wird lauter.
Sie rollte sich auf den Rücken und schloss die Augen. So konnte sie nicht mehr weiterlaufen. Wenn sie sich nicht wehrte, war es vielleicht schnell vorbei. Sie spürte den heißen Atem des Wolfs auf ihrem Gesicht.
Süßes Kind. Verloren. Beute. Der Mond. Süßes Blut. Hunger.
Sie gab noch ein leises Wimmern von sich, bevor eine beängstigend menschliche Hand über ihre Wange strich. Wimmernd öffnete sie die Augen und schaute in ein süffisant lächelndes Gesicht. Ein menschliches. „Ist...ist der Wolf weg?“, fragte sie, völlig überrascht. Das Lächeln des Mannes wurde breiter, wuchs zu einem grausamen Grinsen. „Kannst du den Mond singen hören?“ |
|  | | Nephren-Ka

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 | Thema: Re: Nephrens Kurzgeschichten Di 10 Jan 2012, 19:16 | |
| Weib und Schlange Eine allegorische Szene
Gewidmet Leopold von Sacher-Masoch Und einer jungen Dame Es war nicht verwunderlich, dass er sich zu ihr gesetzt hatte. Sicher, es gab noch andere Tische, leere Tisch, doch die sah er gar nicht. Sie zog seinen Blick an und schien damit auch seinen Geist unaufhaltsam in ihre Richtung zu ziehen. Sie war jung, gewiss. Doch Frau genug, sich ihrer Reize und deren Wirkung bewusst zu sein, und doch noch Mädchen genug damit zu spielen, zu kokettieren. Und kokett war sie, wie sie sich hinter ihrem Fächer verbarg, hinter jenem Vorhang, hinter dem mancher Jäger ein Reh vermutet und in die Fänge der Wölfin geraten ist.
"Madmoiselle gestatten?", fragte der Dichter mit der gewählten Höflichkeit, mit der unsichere Geister Frauen, und zumal solche von derart ausgewählter Schönheit zu behandeln pflegen. "Gewiss.", gab sie zur Antwort und warf ihm einen undeutbaren Blick über den Fächer hinweg zu. "Sie sind kein Franzose." "Nein, Deutscher." "Soldat? "Nein, Dichter." Sie klappte den Fächer zusammen und schenkte ihm ein Lächeln, dass nur diejenigen kennen, deren Schicksal ausgehandelt, entschieden und gezeichnet ist. "Die Feder sei ohnehin mächtiger als das Schwert, so heißt es." Unsicher, ob sie ihn verspottete lächelte der Dichter. "Darf ich Madmoiselle eine Erfrischung anbieten?" "Gewiss." Sie orderten bei einem ebenso höflichen wie abwesend scheinenden Kellner eine Flasche Rotwein und bald kehrte jene Stille ein, die zu vermeiden Kurtisanen viel Geschick aufwenden. "Auch ich bin keine Französin." "Nicht? Ihr Französisch ist sehr gut." "Danke." Der Wein kam, immernoch unsicher ob er verspottet würde, schenkte er ihnen ein und sie nippte an ihrem Glas. "Sind sie Italienerin?" Sie lachte, griff nach einem Taschentuch und tupfte sich mit der Eleganz einer Frau, die weder Scham noch Reue kennt, rote Tropfen von ihrer Lippe, die wie Blut über ihr Gesicht rannen. Wie Blut an den Fängen einer Wölfin... "Gewiss. Wenn ihr das sagt, Monsieur."
Sie sprachen über allerhand Belanglosigkeiten und auf ihr Bitten trug der Dichter einige selbstverfasste Verse vor, klammerte sich an die ihm so bekannten Verse und Rhythmen, wie ein Ertrinkender. Doch kann sich der Ertrinkende wohl noch retten, wenn er das Treibholz greift, so er nur ein tüchtiger Schwimmer ist, doch gleich was du für ein tüchtiger Dichter bist, vor dem Blick einer schönen Frau kann dich keine Ballade, kein Sonett bewahren. "Gestatten Madmoiselle die Frage nach ihrem Namen?", fragte der Dichter, der durch seine Verse etwas an Sicherheit gewonnen zu haben schien. "Gewiss." Sie ließ eine Sekunde verstreichen, nippte an ihrem Wein und ließ eine weitere Sekunde verstreichen. "Nur beantworte ich sie nicht. Ihr seid doch Dichter, gewiss vertraut mit den antiken Sagen. Wie würdet ihr mich nennen?" "Eine Muse würde ich euch nennen, Madmoiselle." "Keine Venus?" "Gewiss nicht Madmoiselle. Für einen andern mögt ihr eine Venus sein, doch ihr seid keine, die jedem eine Venus ist." "Dann eine Proserpina? Eine Hekate gar?" "Madmoiselle geruhen zu scherzen." Der Dichter trank noch einen Schluck Wein, eher aus Verlegenheit, wie sein Lachen. Die Verlegenheit, die einen kalten, preußischen Protestantengeist, und sei er noch so romantisch und lyrisch, stets beschleicht, wenn die mediterrane Offenheit, zumal in Gestalt einer Frau, die tatsächlich die Venus selbst sein könnte, an seine Türe klopft "Madmoiselle haben ein finsteres Bild der antiken Frauen." "Habe ich? Ich sehe nichts finsteres daran." Der Dichter lachte, vom Wein gelöst und noch unsicherer gemacht. "Sünde, Tod und Hexerei. Im Norden haben wir uns von solche altertümlichen Begriffen gelöst. Wir sehen auch die Venus als reines und tugendhaftes Ideal, ganz wie sie dereinst gestrahlt habt, in ungetrübten Glanz." Sie lachte erneut. "Gewiss. Ihr habt aus ihr eine unnahbare gemacht, eine kalte Frau gemacht. Eben das. Nur ein Ideal. Ein strenges Nönnlein habt ihr aus der stolzen Göttin gemacht." "Madmoiselle! Tugend heißt nicht Jungfräulichkeit." "Dann habt ihr ein preußisches Weib aus ihr gemacht. Monsieur, seht es ein: Das Weib ist schlecht, wenn es nicht Sklavin ist." Vor solch klaren Worten schien der Preußengeist des Dichters reisaus zu nehmen. "Wie meinen?" "Bleibt bei eurer Bibel, Monsieur. Die Frau ist Schlange oder Weib. Sie verführt, oder wird verführt. Aber doch wird sie verführt. Vom Manne oder ihrer eigenen Lust. Verführt der Mann sie, schlägt er sie in seinen Bann, ist er die Schlange, die den Apfel überreicht und sie ist die Beute. Doch ist es das Weib, was verführt, und das Monsieur, ist weit häufige der Fall, so fällt der Mann ihr zur Beute." "Madmoiselle! Wo bleiben da Tugend und Anmut?" Rasch trank der Dichter noch einen Schluck. Sie lachte und schenkte nach, während sich die Schlinge langsam zuzog.
"Monsieur, was gibt es den Anmutigeres, als eine stolze Frau, die einer Proserpina gleich über den Gefallenen thront und nach ihrem Gutdünken mit ihnen verfährt. Oder einen Hades, der dasselbe tut. Was denkt ihr, warum sind Soldaten so begehrt bei den Frauen? Sie verstehen beides: Zu gehorchen und zu Befehlen. Das Weib sucht den Offizier, der ihr befiehlt, die Schlange den Gefreiten, der zu dienen versteht." "Und die Tugend?" "'Tugend' ist das Wort, mit dem wir die anerzogene Kette zu bezeichnen pflegen, die uns von unseren Trieben abhält. Es ist eure Entscheidung Monsieur: Verleugnet ihr, schämt euch dafür oder macht euren Frieden mit der Schlange in euch und lasst euch verführen." Ein unsicheres Lächeln schlich sich auf des Dichters Züge. Und da zog sich die Schlinge zu und für den jungen Herrn gab es kein entrinnen mehr. "Ich fürchte, in mir ist keine Schlange. Und wenn, so ist sie höchstens ein Wurm, nicht fähig meine Tugend zu erwürgen." Sie lachte und erhob sich. Im vorbeigehen streifte sie mit der Hand nur kurz seine Wange. Und schritt dahin einer Wölfin gleich. Oder eher noch einer Schlange gleich. Und der Dichter ergriff den Apfel und folgte der erfolgreichen Jägerin hinaus. "In Leiden kehrt sich um die Lust, In Wohl gewiss nicht, sicherlich." ~Gustav Meyrink~
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